In den letzten Wochen ist ein Thema durch die Medien gegangen, das in seiner Art bislang relativ einzigartig ist: Bitcoin, eine neue Währung im Internet? Oder, genauer: Ein neues Zahlungsmittel im Internet, denn Währungen werden per definitionem von Zentralbanken herausgegeben und sind offizielle, gesetzlich unterfütterte Zahlungsmittel. (Danke für entsprechende Hinweise!)
Selbstverständlich gab und gibt es unzählige Versuche, neue oder parallele Zahlungsmittel zu etablieren. Keines war aber bislang so gut durchdacht, hatte in meinen Augen so viel „Hand und Fuß“ und bot so wenig Möglichkeiten für Betrug (vor allem durch die Erfinder), wie das bei Bitcoin der Fall ist.
Gerade in Deutschland fand man auch selten zuvor so viel Medienaufmerksamkeit für parallele Zahlungsmittel. Wenige Kommentatoren scheinen das System aber wirklich zu durchschauen; deshalb hier einige Erklärungen:
Was ist Bitcoin?
Bitcoin ist ein Zahlungsmittel; analog zu EUR wird es als BTC geschrieben. Es gibt keine Geldscheine; wie ein Großteil des Geldes etablierter Währungen auch existiert Bitcoin nur virtuell.
Größter Unterschied zu etablierten Währungen: Ausgegeben wird Bitcoin nicht von einer zentralen Instanz, der man vertrauen muss, sondern von einem riesigen P2P-Netzwerk einzelner Computer, von denen keiner einfach die Kontrolle übernehmen und andere „abzocken“ kann.
Wie funktioniert das?
Das ist nicht in ein paar Sätzen zu erklären.
Wichtig für den Anwender: Man hat eine „Wallet“, einen Geldbeutel also, in Form einer Datei auf der Festplatte. Dort sind die Berechtigungen gespeichert, die es einem ermöglichen, über das Geld zu verfügen, das einem gehört. (Backups sind also wichtig! Ist die Datei weg, ist auch das Geld weg!)
Mit einer Client-Software für das Bitcoin-Netzwerk kann man dann Beträge an andere versenden. Der Empfänger erhält praktisch sofort die Notiz, dass ich Geld an ihn versende, so gut wie hundertprozentig sicher sein, dass hier kein Betrugsversuch vorliegt, kann er sich nach etwa einer Stunde.
Ist das ganze sicher?
Kurze Antwort: Ja.
Die Details würden den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber durch das Design des Netzwerks ist es fast unmöglich, mit Hilfe des Netzwerks selbst Betrug zu begehen. (Sich bezahlen lassen und dann keine Ware liefern geht natürlich trotzdem.) Man bräuchte ungeheure Rechnerfarmen mit unvorstellbaren Rechenkapazitäten, und damit könnte man dann nur einige wenige Transaktionen fälschen – wenn man Glück hat.
Wenn man über diese Kapazitäten verfügt, ist es zudem finanziell wesentlich attraktiver, sie als Teil des Netzwerks bestimmungsgemäße Berechnungen durchführen zu lassen. Damit kann man nämlich eine ganze Menge Geld verdienen, und das auch schon mit kleineren Kapazitäten.
Ist Bitcoin gefährlich für Gesellschaft und/oder Wirtschaft?
Solche Behauptungen gab es in letzter Zeit von verschiedenen Stellen zu hören. Sie werden entweder von Institutionen gestreut, die sich in ferner Zukunft evtl. wirklich vor Bitcoin fürchten müssen, oder von Leuten, die Bitcoin nicht verstanden haben.
Grundsätzlich kann man Bitcoin natürlich, wie alle anderen Zahlungsmittel, für illegale Geschäfte benutzen. Es hat gegenüber Bargeld den Vorteil, dass man nicht riesige Koffer herumtragen muss, um größere Geldmengen zu transferieren, aber auch deutliche Nachteile (aus Sicht Krimineller):
Alle Bitcoin-Transaktionen sind für alle öffentlich einsehbar und nachverfolgbar. Das ist Teil dessen, wie das System an sich funktioniert, und wird auch immer so bleiben. Bitcoin ist insofern nicht anonym, wie häufig behauptet wird, sondern nur pseudonym – echte Anonymität kann nur Bargeld bieten.
Der Partner in einer Transaktion kennt erst einmal nur eine kryptische Adresse des anderen, wie die, die hier in der rechten Spalte bei Spenden unter Bitcoin zu sehen ist. Da etwa ein Internethändler diese Adresse aber einer tatsächlichen Lieferadresse zuordnen kann, ist es dann mit der Anonymität nicht mehr weit her.
Das gilt so zwar nur eingeschränkt, weil jeder hunderte solcher Adressen haben kann und mit der Zeit haben wird (alle gemeinsam in der Wallet gespeichert), und jederzeit Geld von einer Adresse in eine andere transferieren kann. Mit Verschiebungen über Drittadressen ist es schon möglich, Geldströme zu verschleiern.
Trotzdem ist bei Bitcoin sehr viel mehr sicht- und nachvollziehbar, als das bei Bargeld der Fall wäre.
Dadurch, dass ich die nebenstehende Empfangsadresse öffentlich gemacht habe, kann zum Beispiel jeder nachvollziehen, wie viel BTC ich schon als Spenden für das Blog erhalten habe. (Zum aktuellen Zeitpunkt: 0 :-) )
Weiterhin ist das Bitcoin-„Konto“, die Datei wallet.dat, nicht dem direkten Zugriff des Staates ausgesetzt. Solange also niemand das Speichermedium in die Finger bekommt, auf der sie gesichert ist, kann nichts gesperrt, gepfändet oder konfisziert werden.
Das bedeutet also: Bitcoin lässt vor dem Zugriff des Staates durchaus mehr verschwinden als der normale Zahlungsverkehr über Banken und Kreditkarten. Bargeld aber ist in dieser Hinsicht noch viel „gefährlicher“.
Rein theoretisch könnte Bitcoin irgendwann zu einem veritablen Konkurrenten des klassischen Zahlungsverkehrs werden. Vorteile: Die Transaktionskosten sind viel geringer und weltweit identisch, und man muss keinem Dritten (Bank/Staat) vertrauen. Das könnte rein theoretisch andere Zahlungssysteme mit der Zeit zurückdrängen. Ob es je soweit kommt, wird sich zeigen.
Sollte irgendwann der – meiner Meinung nach recht unwahrscheinliche – Fall eintreten, dass Bitcoin die traditionellen Währungen weitgehend ersetzt, sehen viele Theoretiker in der deflationär angelegten Natur von Bitcoin ein Problem: Bei wachsender Wirtschaft würden Preise (und natürlich auch Löhne!) ständig sinken, es wäre schwieriger, an Hochrisikokapital zu kommen, weil Bitcoin sich selbst gewissermaßen schon verzinst, etc. Genau darin sehen andere wiederum den großen Vorteil gegenüber dem derzeitigem Wirtschaftssystem, da der Anreiz zum Schuldenmachen wegfällt und dadurch theoretisch eine stabilere Wirtschaft entstehen könnte.
Ich werde mich als Laie in diese Diskussion nicht einmischen, sehe von meinem Standpunkt aus in der deflationären Natur aber durchaus eher Vorteile, sofern sich die Bevölkerung an psychologisch ungünstige Gegebenheiten wie eben ständig sinkende Löhne gewöhnen kann.
Wie entsteht Bitcoin? Wer gibt es aus?
Bitcoin wird berechnet.
In groben Zügen: Damit eine Transaktion als ausgeführt gilt, muss sie in einen sogenannten Block aufgenommen werden, in dem für die darin enthaltenen Transaktionen (und gleichzeitig alle vorher jemals kreierten Blöcke) ein spezieller Hash berechnet wird. Eine solchen Hash zu finden bedeutet enormen Rechenaufwand (zufällig ganz, ganz, ganz viele Möglichkeiten durchprobieren). Wer es geschafft hat, erhält als Belohnung 50 BTC und die Transaktionsgebühren, die von den Transaktionsabsendern freiwillig beliebig festgelegt werden können (auch null).
Dabei gewinnt nicht einfach der, der am meisten Rechenleistung zur Verfügung hat: Es gleicht eher einer Lotterie, man probiert so viele mögliche Lösungen durch, wie man kann, und irgendwann ist vielleicht zufällig eine richtige darunter. Leute mit mehr Rechenleistung haben sozusagen mehr Lose und damit mehr Chancen, eine Lösung zu finden. Aber auch mit ganz wenig Rechenpower ist die Chance nicht null, solange die Leistung zumindest ausreicht, um innerhalb der durchschnittlichen Zeit bis zum Finden des nächsten Blocks wenigstens einen Lösungsversuch auszuprobieren (manche Grafikkarten schaffen über 100 Millionen Lösungsversuche pro Sekunde).
Die Schwierigkeit, so einen Block zu finden, wird immer der Gesamtrechenleistung des Netzes angepasst, so dass durchschnittlich etwa alle 10 Minuten ein Block gefunden wird.
In der Praxis schließen sich viele Nutzer zu „Pools“ zusammen. So erhalten sie zwar nur ihren Anteil an den 50 BTC, wenn ein Block gefunden wird, dafür gibt es aber auch regelmäßig ein bisschen Geld, nicht erst, wenn man nach Monaten oder gar Jahren des Rechnens mal Glück gehabt hat.
Da die Gesamtmenge an BTC, die es je geben wird, auf 21 Millionen festgelegt ist (deshalb auch deflationär), werden die „Miner“ irgendwann nur noch von den Transaktionsgebühren leben – und spätestens dann wird die Geschwindigkeit, wie schnell eine Transaktionen bestätigt wird, von den abgegebenen Transaktionsgebühren abhängen.
Damit bei steigendem Wert noch sinnvoll gezahlt werden kann, kann ein BTC momentan bis zur 8. Zehnerpotenz aufgeteilt werden. Die kleinste Einheit ist also 0.00000001 BTC. Notfalls lässt sich das später aber auch noch einmal verkleinern.
Was kann ich mit Bitcoins eigentlich machen?
Im Moment noch nicht allzu viel. Es gibt noch sehr wenige Händler, die direkt Bitcoins annehmen, und wegen der Wechselkursrisiken vermute ich auch, dass es nicht so schnell mehr werden werden.
Wenn der Empfänger Bitcoins annimmt, könnte es der wesentlich billigere (und schnellere) Weg sein, um eine Überweisung auszuführen, vor allem, wenn es eine Auslandsüberweisung aus der EU heraus ist.
Ansonsten kann man mit Bitcoins momentan vor allem eins: Spekulieren.
Es gibt diverse Börsen, an denen traditionelle Währung in BTC getauscht werden kann. Die größte ist MtGox, zum direkten Umtausch von Euro in BTC ist momentan bitmarket.eu die beste Wahl.
Die Wechselkurse sind in den letzten Monaten extrem in die Höhe geschossen, das hat einige (vor allem Leute, die von Anfang an dabei waren) sehr reich gemacht. Ob das so bleibt, steht aber völlig in den Sternen.
Und, ist das gut? Soll ich mitmachen? Was wird daraus einmal werden?
Tja, das ist die große Frage.
Durch die mediale Aufmerksamkeit in den letzten Monaten hat sich die Zahl der User vervielfacht – und auch der Wert eines Bitcoins. Anfang des Jahres lag er noch bei etwa $1, heute sind wir bei um die $30. Der Eurowert liegt momentan bei etwa € 20,–. Anfang der Woche waren es noch € 15,–.
Das weckt natürlich die Gier.
Bitcoin-Nutzer waren bis vor kurzem noch in erster Linie Idealisten, die sich von einem nicht kontrollierbaren, deflationär angelegten Zahlungsmittel eine bessere Welt ohne Finanzcrashs erhofften.
Heute dürfte die Mehrzahl vor allem den schnellen Gewinn im Auge haben.
Entsprechend groß ist natürlich die Gefahr einer Spekulationsblase. Auslöser für einen größeren Absturz könnten neben einer Marktsättigung (die allerdings vmtl. noch gutes Stück weit weg ist) vor allem Versuche sein, das Zahlungsmittel staatlicherseits zu verbieten.
Erste Vorstöße in diese Richtung laufen in den USA bereits, wo Wall-Street-nahe Senatoren versuchen, Bitcoin verbieten zu lassen, weil es das Zahlungsmittel der Drogenhändler sei. Eine Pressemitteilung des Bundesverbandes Digitaler Wirtschaft ging in ähnliche Richtung.
Zwar wird es wegen der P2P-Natur des Netzes nahezu unmöglich sein, Bitcoin ganz von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Sollten aber große Börsen wie MtGox plötzlich geschlossen werden, wäre das ein empfindlicher Schlag gegen Bitcoin, würde viele Spekulanten dazu bewegen, Bitcoin wieder zu verlassen und würde den Kurs kräftig abstürzen lassen. (Allerdings scheint MtGox in Japan zu sitzen, was den Zugriff der US-Justiz zumindest erschweren dürfte.)
Einige „alte Hasen“ aus dem Bitcoin-Forum wünschen sich genau das, um die lästigen „money people“ wieder loszuwerden und ungestört weiter am eigentlichen Zweck von Bitcoin arbeiten zu können.
Tatsächlich ist das ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ist Popularität genau das, was das Netzwerk braucht, um weiter dem Zweck entgegenwachsen zu können, für den es eigentlich geschaffen wurde. Andererseits muss unweigerlich irgendwann Schluss sein mit dem Hochschießen der Kurse, und zwar nicht nur mit einem kleinen Dämpfer, wie er wahrscheinlich (?) im Moment zu beobachten ist, sondern mit einem kräftigen Rückschlag.
Vermutlich wird die Art dieses Ereignisses (oder dieser Ereignisse) letztlich darüber bestimmen, wie populär Bitcoin in der ferneren Zukunft sein wird, und ob es sich neben seiner aktuellen Rolle als Spekulationsobjekt wirklich als alternatives Zahlungsmittel wird platzieren können.
Ich würde jedenfalls niemandem, der sich nicht ganz genau darüber bewusst ist, was er da tut, zur Investition in Bitcoins raten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Risiko extrem hoch, und erst über die Jahre wird sich zeigen, wo Bitcoin sich hinentwickelt. Gerade Auswüchse, von denen man immer wieder hört, wo Leute sich Geld leihen, um es dann in Bitcoins zu investieren, gehören definitiv in die Kategorie „Probieren Sie das nicht zu Hause!“
Das Ausmaß des Handels an den BTC-Börsen sollte man nicht unterschätzen: Allein bei MtGox übertrifft der tägliche (!) Umsatz inzwischen meist eine Million US-Dollar.
Nicht selten ist auch der Kauf von spezieller Hardware, um „Bitcoin Mining“ zu betreiben. Im kleinen Rahmen ist das aber fast noch risikoreicher, weil die Anfangsinvestition relativ hoch ist und mit der Erhöhung des Schwierigkeitsgrades immer weniger BTC als Einnahme zurückfließen. Weder die zukünftigen Schwierigkeitsgrade noch die Wechselkurse sind ernsthaft vorhersagbar. Rechnet man die Stromkosten mit ein, wird es außerdem zunehmend schwierig, überhaupt von einem Gewinn auszugehen – außer man setzt darauf, dass die Kurse weiter in den Himmel steigen.
Für Interessierte lohnt es sich aber sicher, ein paar Euro zu tauschen und ein wenig mit dem Netzwerk zu experimentieren. Besonders schön wäre es, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, BTC direkt bei Händlern auszugeben.
Fazit
Bitcoin ist ein sehr interessantes Projekt, das viel Potenzial hat. Momentan taugt es leider vor allem zur Spekulation mit hohem Risiko und wird dafür auch reichlich genutzt.
Bleibt zu hoffen, dass Kontrollverlustängste seitens der Finanzmärkte und seitens der Staaten nicht irgendwann dazu führen, dass Bitcoin durch Verbot und Schließung wichtiger Handelsplätze wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt – und dass übermäßige Spekulation nicht zu einem ähnlichen Ergebnis führt.
Kleine Link-Auswahl
Bitcoin-Homepage mit Software-Download und weiteren Links
Bitcoin-Wiki mit allen wichtigen Informationen und Hilfe
Bitcoin-Forum
Block Explorer: Durchsuchbare Datenbank aller Bitcoin-Blöcke und -Transaktionen
bitcoincharts.com: Übersichtliche Darstellung der Marktentwicklung auf vielen Bitcoin-Börsen
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Freitag, 10. Juni 2011
Freitag, 27. Mai 2011
Hintergründe und Einschätzungen zu Google Wallet
Gestern hat Google sein neues Bezahlsystem per NFC vorgestellt: Google Wallet. Googles offizielle Infoseiten dazu sind hier.
Prinzip: Man besitzt ein Handy, das NFC (Near Field Communication) beherrscht, einen Funkstandard, der nur über wenige Zentimeter überträgt – ein Kandidat ist hier zum Beispiel das Nexus S. Auf diesem Handy ist die App Google Wallet installiert. Per Knopfdruck kann man damit dann bezahlen, wenn der Händler über entsprechende Möglichkeiten verfügt.
Update: Laut TechCrunch soll es für Handys ohne NFC-Funktion bald Aufkleber geben, die die Funktion zumindest teilweise nachrüsten: Statt beliebiger Karten sollen die Aufkleber eine einzelne Karte repräsentieren, die schon beim Kauf festgelegt ist. Der Aufkleber beinhaltet also gewissermaßen die Karte.
Wie das funktionieren soll, ist mir aber nicht ganz klar. Der Aufkleber selbst kann natürlich RFID-ähnlich ohne eigene Stromversorgung mit dem NFC-Terminal kommunizieren; eine entsprechende aktiv-passiv-Kommunikation ist bei NFC (neben aktiv-aktiv-Kommunikation zwischen zwei Handys oder Terminal und Handy) jedenfalls spezifiziert. Die Frage ist, wie die Google-Wallet-App mit dem Aufkleber kommunizieren soll, bzw. ob das überhaupt vorgesehen ist, und wenn nein, wie dann die Bezahlung authentifiziert werden soll. PIN-Eingabe am Terminal statt am Handy, vielleicht? Dann könnte man aber das Handy gleich weglassen, und der TechCrunch-Artikel behauptet ja auch, dass Google Wallet sich irgendwie mit dem Aufkleber austauschen soll. Aber welche Funk-Standards, die ein normales Handy beherrscht, könnten dafür verwendet werden? Man darf gespannt sein, was Google da noch aus dem Hut zaubert.
Anscheinend verfügt ein gewisser „PayPass“ von MasterCard bereits über NFC-Technik, jedenfalls wird die Bezahlung per Handy in den USA überall dort möglich sein, wo dieser PayPass akzeptiert wird.
Bislang ist das Ganze beschränkt auf das Nexus S 4G bei Sprint, die Portierung auf weitere Geräte wird aber natürlich folgen.
Weiterhin kann man über das System Gutscheine einlösen, die man via Google Offers bekommen hat – ein weiteres Google-System, das sich derzeit in der Betaphase befindet, und über das man gewissermaßen Gutscheine und Rabattmarken für eine bestimmte Region abonnieren kann.
Natürlich sollen neben Citi, MasterCard, Sprint und Google Offers in Zukunft weitere Partner hinzukommen, eine entsprechende API ist in Vorbereitung. Wann das Ganze auch außerhalb der USA verfügbar sein wird, ist noch unklar.
Für die Sicherheit ist (zumindest theoretisch) gesorgt: Ähnlich dem Chip auf einer ec- oder HBCI-Karte gibt es auf dem Telefon ein sogenanntes „Secure Element“, das die Daten, z.B. die Kreditkartendaten, speichert. Es ist hardwaretechnisch völlig getrennt vom restlichen Telefon und dem Betriebssystem; die Daten liegen also nicht im normalen Speicherbereich.
Man kann sich die Kommunikation der Wallet-App mit dem Secure Element vorstellen wie die mit einem Server im Internet: Die App stellt Anfragen und erhält Antworten, aber nur, wenn sie die richtigen Schlüssel liefern kann.
Natürlich schützt das nicht vor dem Durchsuchen des Speichers, wenn die Wallet-App erst einmal die Daten vom Secure Element bekommen hat (was allerdings Root erfordert), und auch nicht vor Key Loggern (erfordern ebenfalls Root) oder bösartigen Tastatur-Programmen, die der User installiert hat, die alle Tastendrücke mitprotokollieren (so etwas ist bislang nicht bekannt, könnte aber programmiert werden). (siehe Update unten)
Ich vermute deshalb, dass Google, um die letzten beiden Möglichkeiten auszuschließen, das Secure Element nicht allgemein zugreifbar machen wird, d.h. nicht jedes Programm, das das Master-Passwort kennt, kann das Secure Element abfragen, sondern nur Programme, die wiederum von Google dazu authorisiert wurden und über einen entsprechenden Schlüssel verfügen. Update: Das ist tatsächlich der Fall, siehe die FAQ zu Google Wallet unter „Security and Privacy“.
Erstere Möglichkeit (Speicherdurchsuchung) ist ausgeschlossen, wenn das Telefon nicht gerootet wurde. Denkbar, dass Google ähnlich dem Musikdienst den Bezahldienst auf Telefone beschränkt, die nicht gerootet und/oder mit Custom ROMs versehen wurden.
Die App selbst ist natürlich nur mit PIN-Eingabe zugänglich.
Update: Der Kommentator unten hat recht: Solange mit dem Secure Element nur Transaktionen signiert werden, wie es etwa bei Kauf-Vorgängen der Fall ist (und auch beim Aufschließen, wo das Schloss sich vom Schlüssel einen zufälligen String signieren lässt, um sicherzugehen, dass der Schlüssel echt ist), haben Angreifer ziemlich schlechte Karten. Denn alles Speicherdurchsuchen hilft nichts, wenn da nur die Transaktion ist, die Google Wallet vom Kartenterminal bekommen hat, und später dann die Signatur dazu. Wenn so ein Terminal nicht dumm genug ist, dass es sich eine zwischendurch geänderte Transaktion unterschieben lässt (was hoffentlich nicht der Fall ist; vmtl. bekommt es nur die Signatur, nicht die signierte Transaktion zurück), ist der Angreifer selbst dann aufgeschmissen, wenn er Root und volle Zugriffsmöglichkeiten auf das Secure Element hat.
Außer es gibt Möglichkeiten, „Hersteller-Codes“, die das Secure Element dazu bringen, seine Private Keys rauszurücken. Das wird aber hoffentlich nicht der Fall sein – außer Speichern und Löschen geht hoffentlich gar nichts. Damit könnte der Angreifer dann nur Keys löschen und damit das Bezahlen verhindern. Selber Bezahlen könnte er nur, wenn er das Telefon gefunden hat und die PIN zu Google Wallet herausfindet, nicht als Programmierer eines Trojaners.
Angenommen, der Angreifer hätte vollen Zugang zum Secure Element erreicht. Natürlich könnte er sich beliebige Transaktionen signieren lassen. Aber was hilft ihm das, wenn er sie nirgendwohin übertragen kann? Das geschieht ja erst durch das Terminal beim Kauf, und das lässt sich ja nur die eigene Transaktion signieren.
Anders wäre es, wenn man das Secure Element ohne NFC einsetzen würde, etwa zum Online-Banking. Um das richtig sicher zu machen, bräuchte das Secure Element eine eigene Tastatur für die PIN-Eingabe. Vielleicht angeschlossen per NFC? :-) Mal sehen, was es da in Zukunft noch für Möglichkeiten geben wird.
Soweit zum Technischen.
Die eigentliche Frage aber ist: Will ich das?
Irgendwie klingt das Ganze ja schon recht praktisch. In 5-10 Jahren könnte es theoretisch so weit sein, dass man den Geldbeutel eigentlich zu Hause lassen kann und statt dessen alles mit dem Handy macht: Bezahlen natürlich, aber das Smartphone könnte dann auch Fahrkarte, Personalausweis, Reisepass und Führerschein sein – und Haus- und Autoschlüssel!
Das wäre schon super.
Um die Sicherheit mache ich mir nicht einmal große Gedanken – letztlich wäre das sicherer als ein Geldbeutel, weil vor all den Daten noch eine PIN steht, was ja für Kreditkarten, Personalausweise und erst recht für Fahrkarten, Bargeld und Schlüssel so nicht gilt. Sperren lassen kann man die Karten ja so oder so, und ich kann mir vorstellen, dass es dann auch die viel praktischere Lösung der Remote-Löschung des Wallet-Inhalts geben wird – als ersten Versuch mit Erfolgsbestätigung natürlich nur; denn wenn der Dieb das Handy vom Netz trennt, könnte er ja trotzdem damit bezahlen (falls er die PIN kennt), deshalb muss das ganz normale Sperren im Misserfolgsfall auf jeden Fall ebenfalls vollzogen werden.
Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass findige Hacker doch Möglichkeiten finden, irgendwie in das System einzudringen. Die hardwaretechnische Lösung verspricht aber zumindest, das sehr schwer zu machen – letztlich dürfte das Mitführen eines Geldbeutels tatsächlich gefährlicher sein.
Der Punkt, der mir weniger gefällt ist aber ein ganz anderer, zu dem ich allerdings ziemlich wenig Informationen gefunden habe: Was weiß Google über mich, was wissen die Verkäufer über mich, wenn ich das System benutze?
Schließlich sollen in Zukunft auch Rabattkarten a la Payback ihren Weg in den Google-Geldbeutel finden.
Ich vermute allerdings, dass das letztlich nicht viel anders sein wird als heute: Da Google Wallet in den USA mit bereits existierender Infrastruktur eingeführt wird, dürften wohl keine zusätzlichen Daten übertragen werden, d.h. was ich einkaufe, wird Google nicht mitbekommen. Das ist schon deshalb sehr wahrscheinlich, weil gerade große Ketten und Betreiber von Kartensystemen wie Payback mit Argusaugen darüber wachen werden, dass ihr Kapital, ihre Daten also, schön bei ihnen bleiben und nicht an Dritte weitergegeben werden – schon gar nicht an einen Riesen wie Google, der ihnen ganz schnell das Wasser abgraben könnte.
Das heißt: Einkaufen mit Google Wallet wird nie so anonym sein wie mit Bargeld, dürfte aber umgekehrt auch nicht mehr Daten an alle Beteiligten liefern als der Einkauf per ec- oder Kreditkarte.
Mit einem Unterschied: Neben dem Verkäufer, dem Betreiber des Kartenterminals, der Bank und ggfs. dem Kreditkartenunternehmen weiß auch Google, bei welchen Händlern ich wieviel Geld ausgebe. Und das ist verknüpft mit meinem Google-Konto.
Am Anfang habe ich mich gefragt, was Google eigentlich davon hat, denn laut FAQ verlangt Google weder von Händlern noch von Banken oder Kreditkartenunternehmen Geld für seine Leistung – nur das Interface für die API müssen die Partner selbst programmieren.
Natürlich kann Google damit Android pushen, aber das allein reicht sicher nicht als Grund, um eine derartige Infrastruktur aufzubauen. Zudem halte ich es ohnehin für ausgemacht, dass falls das iPhone 5 NFC-fähig sein wird, und falls Apple Google machen lässt, es auch eine Google Wallet für iOS geben wird, ebenso für andere mobile Betriebssysteme.
Nein – der Punkt ist, dass Google dann weiß, wo ich wieviel Geld ausgebe. Und entsprechend besser kann Google personalisierte Werbung schalten, entsprechend mehr Geld kann Google für die Werbung verlangen („zeige das Banner nur Leuten, die schon in einer unserer Filialen eingekauft haben“), entsprechend besser lassen sich Dienste wie Google Offers verkaufen, weil sie auch für den User interessanter werden, wenn an erster Stelle Gutscheine für Geschäfte erscheinen, in denen man auch wirklich regelmäßig einkauft.
Ja, da kann einem schon mulmig werden. Andererseits ist Google momentan das einzige Unternehmen, bei dem es für mich tatsächlich in Frage kommt, auch diese Daten noch hinzuzufügen – denn Google nutzt meine Daten, klar, aber bislang kenne ich keinen Fall, wo sie in irgendeiner Weise an Dritte weiterverbreitet wurden, wie etwa Facebook es gerne tut. Trotzdem, ein wenig Bauchweh bleibt bei der Vorstellung natürlich schon.
Bin gespannt, wie ich darüber denken werde, wenn Google Wallet hierzulande eingeführt wird, und ob ich dann teilnehmen werde.
Wir werden sehen.
P.S.: Kleiner Mindfuck am Rande: Es ist heute schon ziemlich doof, wenn beim Smartphone der Akku leer ist.
Aber wie wird das erst werden, wenn ich dann keine Fahrkarten mehr habe, nicht mehr bezahlen kann, mich nicht mehr ausweisen kann und nicht einmal mehr mein Auto benutzen kann oder in mein Haus hineinkomme?
Yay! X-)
Prinzip: Man besitzt ein Handy, das NFC (Near Field Communication) beherrscht, einen Funkstandard, der nur über wenige Zentimeter überträgt – ein Kandidat ist hier zum Beispiel das Nexus S. Auf diesem Handy ist die App Google Wallet installiert. Per Knopfdruck kann man damit dann bezahlen, wenn der Händler über entsprechende Möglichkeiten verfügt.
Update: Laut TechCrunch soll es für Handys ohne NFC-Funktion bald Aufkleber geben, die die Funktion zumindest teilweise nachrüsten: Statt beliebiger Karten sollen die Aufkleber eine einzelne Karte repräsentieren, die schon beim Kauf festgelegt ist. Der Aufkleber beinhaltet also gewissermaßen die Karte.
Wie das funktionieren soll, ist mir aber nicht ganz klar. Der Aufkleber selbst kann natürlich RFID-ähnlich ohne eigene Stromversorgung mit dem NFC-Terminal kommunizieren; eine entsprechende aktiv-passiv-Kommunikation ist bei NFC (neben aktiv-aktiv-Kommunikation zwischen zwei Handys oder Terminal und Handy) jedenfalls spezifiziert. Die Frage ist, wie die Google-Wallet-App mit dem Aufkleber kommunizieren soll, bzw. ob das überhaupt vorgesehen ist, und wenn nein, wie dann die Bezahlung authentifiziert werden soll. PIN-Eingabe am Terminal statt am Handy, vielleicht? Dann könnte man aber das Handy gleich weglassen, und der TechCrunch-Artikel behauptet ja auch, dass Google Wallet sich irgendwie mit dem Aufkleber austauschen soll. Aber welche Funk-Standards, die ein normales Handy beherrscht, könnten dafür verwendet werden? Man darf gespannt sein, was Google da noch aus dem Hut zaubert.
Anscheinend verfügt ein gewisser „PayPass“ von MasterCard bereits über NFC-Technik, jedenfalls wird die Bezahlung per Handy in den USA überall dort möglich sein, wo dieser PayPass akzeptiert wird.
Bislang ist das Ganze beschränkt auf das Nexus S 4G bei Sprint, die Portierung auf weitere Geräte wird aber natürlich folgen.
Weiterhin kann man über das System Gutscheine einlösen, die man via Google Offers bekommen hat – ein weiteres Google-System, das sich derzeit in der Betaphase befindet, und über das man gewissermaßen Gutscheine und Rabattmarken für eine bestimmte Region abonnieren kann.
Natürlich sollen neben Citi, MasterCard, Sprint und Google Offers in Zukunft weitere Partner hinzukommen, eine entsprechende API ist in Vorbereitung. Wann das Ganze auch außerhalb der USA verfügbar sein wird, ist noch unklar.
Für die Sicherheit ist (zumindest theoretisch) gesorgt: Ähnlich dem Chip auf einer ec- oder HBCI-Karte gibt es auf dem Telefon ein sogenanntes „Secure Element“, das die Daten, z.B. die Kreditkartendaten, speichert. Es ist hardwaretechnisch völlig getrennt vom restlichen Telefon und dem Betriebssystem; die Daten liegen also nicht im normalen Speicherbereich.
Man kann sich die Kommunikation der Wallet-App mit dem Secure Element vorstellen wie die mit einem Server im Internet: Die App stellt Anfragen und erhält Antworten, aber nur, wenn sie die richtigen Schlüssel liefern kann.
Ich vermute deshalb, dass Google, um die letzten beiden Möglichkeiten auszuschließen, das Secure Element nicht allgemein zugreifbar machen wird, d.h. nicht jedes Programm, das das Master-Passwort kennt, kann das Secure Element abfragen, sondern nur Programme, die wiederum von Google dazu authorisiert wurden und über einen entsprechenden Schlüssel verfügen. Update: Das ist tatsächlich der Fall, siehe die FAQ zu Google Wallet unter „Security and Privacy“.
Erstere Möglichkeit (Speicherdurchsuchung) ist ausgeschlossen, wenn das Telefon nicht gerootet wurde. Denkbar, dass Google ähnlich dem Musikdienst den Bezahldienst auf Telefone beschränkt, die nicht gerootet und/oder mit Custom ROMs versehen wurden.
Die App selbst ist natürlich nur mit PIN-Eingabe zugänglich.
Update: Der Kommentator unten hat recht: Solange mit dem Secure Element nur Transaktionen signiert werden, wie es etwa bei Kauf-Vorgängen der Fall ist (und auch beim Aufschließen, wo das Schloss sich vom Schlüssel einen zufälligen String signieren lässt, um sicherzugehen, dass der Schlüssel echt ist), haben Angreifer ziemlich schlechte Karten. Denn alles Speicherdurchsuchen hilft nichts, wenn da nur die Transaktion ist, die Google Wallet vom Kartenterminal bekommen hat, und später dann die Signatur dazu. Wenn so ein Terminal nicht dumm genug ist, dass es sich eine zwischendurch geänderte Transaktion unterschieben lässt (was hoffentlich nicht der Fall ist; vmtl. bekommt es nur die Signatur, nicht die signierte Transaktion zurück), ist der Angreifer selbst dann aufgeschmissen, wenn er Root und volle Zugriffsmöglichkeiten auf das Secure Element hat.
Außer es gibt Möglichkeiten, „Hersteller-Codes“, die das Secure Element dazu bringen, seine Private Keys rauszurücken. Das wird aber hoffentlich nicht der Fall sein – außer Speichern und Löschen geht hoffentlich gar nichts. Damit könnte der Angreifer dann nur Keys löschen und damit das Bezahlen verhindern. Selber Bezahlen könnte er nur, wenn er das Telefon gefunden hat und die PIN zu Google Wallet herausfindet, nicht als Programmierer eines Trojaners.
Angenommen, der Angreifer hätte vollen Zugang zum Secure Element erreicht. Natürlich könnte er sich beliebige Transaktionen signieren lassen. Aber was hilft ihm das, wenn er sie nirgendwohin übertragen kann? Das geschieht ja erst durch das Terminal beim Kauf, und das lässt sich ja nur die eigene Transaktion signieren.
Anders wäre es, wenn man das Secure Element ohne NFC einsetzen würde, etwa zum Online-Banking. Um das richtig sicher zu machen, bräuchte das Secure Element eine eigene Tastatur für die PIN-Eingabe. Vielleicht angeschlossen per NFC? :-) Mal sehen, was es da in Zukunft noch für Möglichkeiten geben wird.
Soweit zum Technischen.
Die eigentliche Frage aber ist: Will ich das?
Irgendwie klingt das Ganze ja schon recht praktisch. In 5-10 Jahren könnte es theoretisch so weit sein, dass man den Geldbeutel eigentlich zu Hause lassen kann und statt dessen alles mit dem Handy macht: Bezahlen natürlich, aber das Smartphone könnte dann auch Fahrkarte, Personalausweis, Reisepass und Führerschein sein – und Haus- und Autoschlüssel!
Das wäre schon super.
Um die Sicherheit mache ich mir nicht einmal große Gedanken – letztlich wäre das sicherer als ein Geldbeutel, weil vor all den Daten noch eine PIN steht, was ja für Kreditkarten, Personalausweise und erst recht für Fahrkarten, Bargeld und Schlüssel so nicht gilt. Sperren lassen kann man die Karten ja so oder so, und ich kann mir vorstellen, dass es dann auch die viel praktischere Lösung der Remote-Löschung des Wallet-Inhalts geben wird – als ersten Versuch mit Erfolgsbestätigung natürlich nur; denn wenn der Dieb das Handy vom Netz trennt, könnte er ja trotzdem damit bezahlen (falls er die PIN kennt), deshalb muss das ganz normale Sperren im Misserfolgsfall auf jeden Fall ebenfalls vollzogen werden.
Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass findige Hacker doch Möglichkeiten finden, irgendwie in das System einzudringen. Die hardwaretechnische Lösung verspricht aber zumindest, das sehr schwer zu machen – letztlich dürfte das Mitführen eines Geldbeutels tatsächlich gefährlicher sein.
Der Punkt, der mir weniger gefällt ist aber ein ganz anderer, zu dem ich allerdings ziemlich wenig Informationen gefunden habe: Was weiß Google über mich, was wissen die Verkäufer über mich, wenn ich das System benutze?
Schließlich sollen in Zukunft auch Rabattkarten a la Payback ihren Weg in den Google-Geldbeutel finden.
Ich vermute allerdings, dass das letztlich nicht viel anders sein wird als heute: Da Google Wallet in den USA mit bereits existierender Infrastruktur eingeführt wird, dürften wohl keine zusätzlichen Daten übertragen werden, d.h. was ich einkaufe, wird Google nicht mitbekommen. Das ist schon deshalb sehr wahrscheinlich, weil gerade große Ketten und Betreiber von Kartensystemen wie Payback mit Argusaugen darüber wachen werden, dass ihr Kapital, ihre Daten also, schön bei ihnen bleiben und nicht an Dritte weitergegeben werden – schon gar nicht an einen Riesen wie Google, der ihnen ganz schnell das Wasser abgraben könnte.
Das heißt: Einkaufen mit Google Wallet wird nie so anonym sein wie mit Bargeld, dürfte aber umgekehrt auch nicht mehr Daten an alle Beteiligten liefern als der Einkauf per ec- oder Kreditkarte.
Mit einem Unterschied: Neben dem Verkäufer, dem Betreiber des Kartenterminals, der Bank und ggfs. dem Kreditkartenunternehmen weiß auch Google, bei welchen Händlern ich wieviel Geld ausgebe. Und das ist verknüpft mit meinem Google-Konto.
Am Anfang habe ich mich gefragt, was Google eigentlich davon hat, denn laut FAQ verlangt Google weder von Händlern noch von Banken oder Kreditkartenunternehmen Geld für seine Leistung – nur das Interface für die API müssen die Partner selbst programmieren.
Natürlich kann Google damit Android pushen, aber das allein reicht sicher nicht als Grund, um eine derartige Infrastruktur aufzubauen. Zudem halte ich es ohnehin für ausgemacht, dass falls das iPhone 5 NFC-fähig sein wird, und falls Apple Google machen lässt, es auch eine Google Wallet für iOS geben wird, ebenso für andere mobile Betriebssysteme.
Nein – der Punkt ist, dass Google dann weiß, wo ich wieviel Geld ausgebe. Und entsprechend besser kann Google personalisierte Werbung schalten, entsprechend mehr Geld kann Google für die Werbung verlangen („zeige das Banner nur Leuten, die schon in einer unserer Filialen eingekauft haben“), entsprechend besser lassen sich Dienste wie Google Offers verkaufen, weil sie auch für den User interessanter werden, wenn an erster Stelle Gutscheine für Geschäfte erscheinen, in denen man auch wirklich regelmäßig einkauft.
Ja, da kann einem schon mulmig werden. Andererseits ist Google momentan das einzige Unternehmen, bei dem es für mich tatsächlich in Frage kommt, auch diese Daten noch hinzuzufügen – denn Google nutzt meine Daten, klar, aber bislang kenne ich keinen Fall, wo sie in irgendeiner Weise an Dritte weiterverbreitet wurden, wie etwa Facebook es gerne tut. Trotzdem, ein wenig Bauchweh bleibt bei der Vorstellung natürlich schon.
Bin gespannt, wie ich darüber denken werde, wenn Google Wallet hierzulande eingeführt wird, und ob ich dann teilnehmen werde.
Wir werden sehen.
P.S.: Kleiner Mindfuck am Rande: Es ist heute schon ziemlich doof, wenn beim Smartphone der Akku leer ist.
Aber wie wird das erst werden, wenn ich dann keine Fahrkarten mehr habe, nicht mehr bezahlen kann, mich nicht mehr ausweisen kann und nicht einmal mehr mein Auto benutzen kann oder in mein Haus hineinkomme?
Yay! X-)
Gestern hat Google sein neues Bezahlsystem per NFC vorgestellt: Google Wallet. Googles offizielle Infoseiten dazu sind hier.
Prinzip: Man besitzt ein Handy, das NFC (Near Field Communication) beherrscht, einen Funkstandard, der nur über wenige Zentimeter überträgt – ein Kandidat ist hier zum Beispiel das Nexus S. Auf diesem Handy ist die App Google Wallet installiert. Per Knopfdruck kann man damit dann bezahlen, wenn der Händler über entsprechende Möglichkeiten verfügt.
Update: Laut TechCrunch soll es für Handys ohne NFC-Funktion bald Aufkleber geben, die die Funktion zumindest teilweise nachrüsten: Statt beliebiger Karten sollen die Aufkleber eine einzelne Karte repräsentieren, die schon beim Kauf festgelegt ist. Der Aufkleber beinhaltet also gewissermaßen die Karte.
Wie das funktionieren soll, ist mir aber nicht ganz klar. Der Aufkleber selbst kann natürlich RFID-ähnlich ohne eigene Stromversorgung mit dem NFC-Terminal kommunizieren; eine entsprechende aktiv-passiv-Kommunikation ist bei NFC (neben aktiv-aktiv-Kommunikation zwischen zwei Handys oder Terminal und Handy) jedenfalls spezifiziert. Die Frage ist, wie die Google-Wallet-App mit dem Aufkleber kommunizieren soll, bzw. ob das überhaupt vorgesehen ist, und wenn nein, wie dann die Bezahlung authentifiziert werden soll. PIN-Eingabe am Terminal statt am Handy, vielleicht? Dann könnte man aber das Handy gleich weglassen, und der TechCrunch-Artikel behauptet ja auch, dass Google Wallet sich irgendwie mit dem Aufkleber austauschen soll. Aber welche Funk-Standards, die ein normales Handy beherrscht, könnten dafür verwendet werden? Man darf gespannt sein, was Google da noch aus dem Hut zaubert.
Anscheinend verfügt ein gewisser „PayPass“ von MasterCard bereits über NFC-Technik, jedenfalls wird die Bezahlung per Handy in den USA überall dort möglich sein, wo dieser PayPass akzeptiert wird.
Bislang ist das Ganze beschränkt auf das Nexus S 4G bei Sprint, die Portierung auf weitere Geräte wird aber natürlich folgen.
Weiterhin kann man über das System Gutscheine einlösen, die man via Google Offers bekommen hat – ein weiteres Google-System, das sich derzeit in der Betaphase befindet, und über das man gewissermaßen Gutscheine und Rabattmarken für eine bestimmte Region abonnieren kann.
Natürlich sollen neben Citi, MasterCard, Sprint und Google Offers in Zukunft weitere Partner hinzukommen, eine entsprechende API ist in Vorbereitung. Wann das Ganze auch außerhalb der USA verfügbar sein wird, ist noch unklar.
Für die Sicherheit ist (zumindest theoretisch) gesorgt: Ähnlich dem Chip auf einer ec- oder HBCI-Karte gibt es auf dem Telefon ein sogenanntes „Secure Element“, das die Daten, z.B. die Kreditkartendaten, speichert. Es ist hardwaretechnisch völlig getrennt vom restlichen Telefon und dem Betriebssystem; die Daten liegen also nicht im normalen Speicherbereich.
Man kann sich die Kommunikation der Wallet-App mit dem Secure Element vorstellen wie die mit einem Server im Internet: Die App stellt Anfragen und erhält Antworten, aber nur, wenn sie die richtigen Schlüssel liefern kann.
Natürlich schützt das nicht vor dem Durchsuchen des Speichers, wenn die Wallet-App erst einmal die Daten vom Secure Element bekommen hat (was allerdings Root erfordert), und auch nicht vor Key Loggern (erfordern ebenfalls Root) oder bösartigen Tastatur-Programmen, die der User installiert hat, die alle Tastendrücke mitprotokollieren (so etwas ist bislang nicht bekannt, könnte aber programmiert werden). (siehe Update unten)
Ich vermute deshalb, dass Google, um die letzten beiden Möglichkeiten auszuschließen, das Secure Element nicht allgemein zugreifbar machen wird, d.h. nicht jedes Programm, das das Master-Passwort kennt, kann das Secure Element abfragen, sondern nur Programme, die wiederum von Google dazu authorisiert wurden und über einen entsprechenden Schlüssel verfügen. Update: Das ist tatsächlich der Fall, siehe die FAQ zu Google Wallet unter „Security and Privacy“.
Erstere Möglichkeit (Speicherdurchsuchung) ist ausgeschlossen, wenn das Telefon nicht gerootet wurde. Denkbar, dass Google ähnlich dem Musikdienst den Bezahldienst auf Telefone beschränkt, die nicht gerootet und/oder mit Custom ROMs versehen wurden.
Die App selbst ist natürlich nur mit PIN-Eingabe zugänglich.
Update: Der Kommentator unten hat recht: Solange mit dem Secure Element nur Transaktionen signiert werden, wie es etwa bei Kauf-Vorgängen der Fall ist (und auch beim Aufschließen, wo das Schloss sich vom Schlüssel einen zufälligen String signieren lässt, um sicherzugehen, dass der Schlüssel echt ist), haben Angreifer ziemlich schlechte Karten. Denn alles Speicherdurchsuchen hilft nichts, wenn da nur die Transaktion ist, die Google Wallet vom Kartenterminal bekommen hat, und später dann die Signatur dazu. Wenn so ein Terminal nicht dumm genug ist, dass es sich eine zwischendurch geänderte Transaktion unterschieben lässt (was hoffentlich nicht der Fall ist; vmtl. bekommt es nur die Signatur, nicht die signierte Transaktion zurück), ist der Angreifer selbst dann aufgeschmissen, wenn er Root und volle Zugriffsmöglichkeiten auf das Secure Element hat.
Außer es gibt Möglichkeiten, „Hersteller-Codes“, die das Secure Element dazu bringen, seine Private Keys rauszurücken. Das wird aber hoffentlich nicht der Fall sein – außer Speichern und Löschen geht hoffentlich gar nichts. Damit könnte der Angreifer dann nur Keys löschen und damit das Bezahlen verhindern. Selber Bezahlen könnte er nur, wenn er das Telefon gefunden hat und die PIN zu Google Wallet herausfindet, nicht als Programmierer eines Trojaners.
Angenommen, der Angreifer hätte vollen Zugang zum Secure Element erreicht. Natürlich könnte er sich beliebige Transaktionen signieren lassen. Aber was hilft ihm das, wenn er sie nirgendwohin übertragen kann? Das geschieht ja erst durch das Terminal beim Kauf, und das lässt sich ja nur die eigene Transaktion signieren.
Anders wäre es, wenn man das Secure Element ohne NFC einsetzen würde, etwa zum Online-Banking. Um das richtig sicher zu machen, bräuchte das Secure Element eine eigene Tastatur für die PIN-Eingabe. Vielleicht angeschlossen per NFC? :-) Mal sehen, was es da in Zukunft noch für Möglichkeiten geben wird.
Soweit zum Technischen.
Die eigentliche Frage aber ist: Will ich das?
Irgendwie klingt das Ganze ja schon recht praktisch. In 5-10 Jahren könnte es theoretisch so weit sein, dass man den Geldbeutel eigentlich zu Hause lassen kann und statt dessen alles mit dem Handy macht: Bezahlen natürlich, aber das Smartphone könnte dann auch Fahrkarte, Personalausweis, Reisepass und Führerschein sein – und Haus- und Autoschlüssel!
Das wäre schon super.
Um die Sicherheit mache ich mir nicht einmal große Gedanken – letztlich wäre das sicherer als ein Geldbeutel, weil vor all den Daten noch eine PIN steht, was ja für Kreditkarten, Personalausweise und erst recht für Fahrkarten, Bargeld und Schlüssel so nicht gilt. Sperren lassen kann man die Karten ja so oder so, und ich kann mir vorstellen, dass es dann auch die viel praktischere Lösung der Remote-Löschung des Wallet-Inhalts geben wird – als ersten Versuch mit Erfolgsbestätigung natürlich nur; denn wenn der Dieb das Handy vom Netz trennt, könnte er ja trotzdem damit bezahlen (falls er die PIN kennt), deshalb muss das ganz normale Sperren im Misserfolgsfall auf jeden Fall ebenfalls vollzogen werden.
Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass findige Hacker doch Möglichkeiten finden, irgendwie in das System einzudringen. Die hardwaretechnische Lösung verspricht aber zumindest, das sehr schwer zu machen – letztlich dürfte das Mitführen eines Geldbeutels tatsächlich gefährlicher sein.
Der Punkt, der mir weniger gefällt ist aber ein ganz anderer, zu dem ich allerdings ziemlich wenig Informationen gefunden habe: Was weiß Google über mich, was wissen die Verkäufer über mich, wenn ich das System benutze?
Schließlich sollen in Zukunft auch Rabattkarten a la Payback ihren Weg in den Google-Geldbeutel finden.
Ich vermute allerdings, dass das letztlich nicht viel anders sein wird als heute: Da Google Wallet in den USA mit bereits existierender Infrastruktur eingeführt wird, dürften wohl keine zusätzlichen Daten übertragen werden, d.h. was ich einkaufe, wird Google nicht mitbekommen. Das ist schon deshalb sehr wahrscheinlich, weil gerade große Ketten und Betreiber von Kartensystemen wie Payback mit Argusaugen darüber wachen werden, dass ihr Kapital, ihre Daten also, schön bei ihnen bleiben und nicht an Dritte weitergegeben werden – schon gar nicht an einen Riesen wie Google, der ihnen ganz schnell das Wasser abgraben könnte.
Das heißt: Einkaufen mit Google Wallet wird nie so anonym sein wie mit Bargeld, dürfte aber umgekehrt auch nicht mehr Daten an alle Beteiligten liefern als der Einkauf per ec- oder Kreditkarte.
Mit einem Unterschied: Neben dem Verkäufer, dem Betreiber des Kartenterminals, der Bank und ggfs. dem Kreditkartenunternehmen weiß auch Google, bei welchen Händlern ich wieviel Geld ausgebe. Und das ist verknüpft mit meinem Google-Konto.
Am Anfang habe ich mich gefragt, was Google eigentlich davon hat, denn laut FAQ verlangt Google weder von Händlern noch von Banken oder Kreditkartenunternehmen Geld für seine Leistung – nur das Interface für die API müssen die Partner selbst programmieren.
Natürlich kann Google damit Android pushen, aber das allein reicht sicher nicht als Grund, um eine derartige Infrastruktur aufzubauen. Zudem halte ich es ohnehin für ausgemacht, dass falls das iPhone 5 NFC-fähig sein wird, und falls Apple Google machen lässt, es auch eine Google Wallet für iOS geben wird, ebenso für andere mobile Betriebssysteme.
Nein – der Punkt ist, dass Google dann weiß, wo ich wieviel Geld ausgebe. Und entsprechend besser kann Google personalisierte Werbung schalten, entsprechend mehr Geld kann Google für die Werbung verlangen („zeige das Banner nur Leuten, die schon in einer unserer Filialen eingekauft haben“), entsprechend besser lassen sich Dienste wie Google Offers verkaufen, weil sie auch für den User interessanter werden, wenn an erster Stelle Gutscheine für Geschäfte erscheinen, in denen man auch wirklich regelmäßig einkauft.
Ja, da kann einem schon mulmig werden. Andererseits ist Google momentan das einzige Unternehmen, bei dem es für mich tatsächlich in Frage kommt, auch diese Daten noch hinzuzufügen – denn Google nutzt meine Daten, klar, aber bislang kenne ich keinen Fall, wo sie in irgendeiner Weise an Dritte weiterverbreitet wurden, wie etwa Facebook es gerne tut. Trotzdem, ein wenig Bauchweh bleibt bei der Vorstellung natürlich schon.
Bin gespannt, wie ich darüber denken werde, wenn Google Wallet hierzulande eingeführt wird, und ob ich dann teilnehmen werde.
Wir werden sehen.
P.S.: Kleiner Mindfuck am Rande: Es ist heute schon ziemlich doof, wenn beim Smartphone der Akku leer ist.
Aber wie wird das erst werden, wenn ich dann keine Fahrkarten mehr habe, nicht mehr bezahlen kann, mich nicht mehr ausweisen kann und nicht einmal mehr mein Auto benutzen kann oder in mein Haus hineinkomme?
Yay! X-)
Prinzip: Man besitzt ein Handy, das NFC (Near Field Communication) beherrscht, einen Funkstandard, der nur über wenige Zentimeter überträgt – ein Kandidat ist hier zum Beispiel das Nexus S. Auf diesem Handy ist die App Google Wallet installiert. Per Knopfdruck kann man damit dann bezahlen, wenn der Händler über entsprechende Möglichkeiten verfügt.
Update: Laut TechCrunch soll es für Handys ohne NFC-Funktion bald Aufkleber geben, die die Funktion zumindest teilweise nachrüsten: Statt beliebiger Karten sollen die Aufkleber eine einzelne Karte repräsentieren, die schon beim Kauf festgelegt ist. Der Aufkleber beinhaltet also gewissermaßen die Karte.
Wie das funktionieren soll, ist mir aber nicht ganz klar. Der Aufkleber selbst kann natürlich RFID-ähnlich ohne eigene Stromversorgung mit dem NFC-Terminal kommunizieren; eine entsprechende aktiv-passiv-Kommunikation ist bei NFC (neben aktiv-aktiv-Kommunikation zwischen zwei Handys oder Terminal und Handy) jedenfalls spezifiziert. Die Frage ist, wie die Google-Wallet-App mit dem Aufkleber kommunizieren soll, bzw. ob das überhaupt vorgesehen ist, und wenn nein, wie dann die Bezahlung authentifiziert werden soll. PIN-Eingabe am Terminal statt am Handy, vielleicht? Dann könnte man aber das Handy gleich weglassen, und der TechCrunch-Artikel behauptet ja auch, dass Google Wallet sich irgendwie mit dem Aufkleber austauschen soll. Aber welche Funk-Standards, die ein normales Handy beherrscht, könnten dafür verwendet werden? Man darf gespannt sein, was Google da noch aus dem Hut zaubert.
Anscheinend verfügt ein gewisser „PayPass“ von MasterCard bereits über NFC-Technik, jedenfalls wird die Bezahlung per Handy in den USA überall dort möglich sein, wo dieser PayPass akzeptiert wird.
Bislang ist das Ganze beschränkt auf das Nexus S 4G bei Sprint, die Portierung auf weitere Geräte wird aber natürlich folgen.
Weiterhin kann man über das System Gutscheine einlösen, die man via Google Offers bekommen hat – ein weiteres Google-System, das sich derzeit in der Betaphase befindet, und über das man gewissermaßen Gutscheine und Rabattmarken für eine bestimmte Region abonnieren kann.
Natürlich sollen neben Citi, MasterCard, Sprint und Google Offers in Zukunft weitere Partner hinzukommen, eine entsprechende API ist in Vorbereitung. Wann das Ganze auch außerhalb der USA verfügbar sein wird, ist noch unklar.
Für die Sicherheit ist (zumindest theoretisch) gesorgt: Ähnlich dem Chip auf einer ec- oder HBCI-Karte gibt es auf dem Telefon ein sogenanntes „Secure Element“, das die Daten, z.B. die Kreditkartendaten, speichert. Es ist hardwaretechnisch völlig getrennt vom restlichen Telefon und dem Betriebssystem; die Daten liegen also nicht im normalen Speicherbereich.
Man kann sich die Kommunikation der Wallet-App mit dem Secure Element vorstellen wie die mit einem Server im Internet: Die App stellt Anfragen und erhält Antworten, aber nur, wenn sie die richtigen Schlüssel liefern kann.
Ich vermute deshalb, dass Google, um die letzten beiden Möglichkeiten auszuschließen, das Secure Element nicht allgemein zugreifbar machen wird, d.h. nicht jedes Programm, das das Master-Passwort kennt, kann das Secure Element abfragen, sondern nur Programme, die wiederum von Google dazu authorisiert wurden und über einen entsprechenden Schlüssel verfügen. Update: Das ist tatsächlich der Fall, siehe die FAQ zu Google Wallet unter „Security and Privacy“.
Erstere Möglichkeit (Speicherdurchsuchung) ist ausgeschlossen, wenn das Telefon nicht gerootet wurde. Denkbar, dass Google ähnlich dem Musikdienst den Bezahldienst auf Telefone beschränkt, die nicht gerootet und/oder mit Custom ROMs versehen wurden.
Die App selbst ist natürlich nur mit PIN-Eingabe zugänglich.
Update: Der Kommentator unten hat recht: Solange mit dem Secure Element nur Transaktionen signiert werden, wie es etwa bei Kauf-Vorgängen der Fall ist (und auch beim Aufschließen, wo das Schloss sich vom Schlüssel einen zufälligen String signieren lässt, um sicherzugehen, dass der Schlüssel echt ist), haben Angreifer ziemlich schlechte Karten. Denn alles Speicherdurchsuchen hilft nichts, wenn da nur die Transaktion ist, die Google Wallet vom Kartenterminal bekommen hat, und später dann die Signatur dazu. Wenn so ein Terminal nicht dumm genug ist, dass es sich eine zwischendurch geänderte Transaktion unterschieben lässt (was hoffentlich nicht der Fall ist; vmtl. bekommt es nur die Signatur, nicht die signierte Transaktion zurück), ist der Angreifer selbst dann aufgeschmissen, wenn er Root und volle Zugriffsmöglichkeiten auf das Secure Element hat.
Außer es gibt Möglichkeiten, „Hersteller-Codes“, die das Secure Element dazu bringen, seine Private Keys rauszurücken. Das wird aber hoffentlich nicht der Fall sein – außer Speichern und Löschen geht hoffentlich gar nichts. Damit könnte der Angreifer dann nur Keys löschen und damit das Bezahlen verhindern. Selber Bezahlen könnte er nur, wenn er das Telefon gefunden hat und die PIN zu Google Wallet herausfindet, nicht als Programmierer eines Trojaners.
Angenommen, der Angreifer hätte vollen Zugang zum Secure Element erreicht. Natürlich könnte er sich beliebige Transaktionen signieren lassen. Aber was hilft ihm das, wenn er sie nirgendwohin übertragen kann? Das geschieht ja erst durch das Terminal beim Kauf, und das lässt sich ja nur die eigene Transaktion signieren.
Anders wäre es, wenn man das Secure Element ohne NFC einsetzen würde, etwa zum Online-Banking. Um das richtig sicher zu machen, bräuchte das Secure Element eine eigene Tastatur für die PIN-Eingabe. Vielleicht angeschlossen per NFC? :-) Mal sehen, was es da in Zukunft noch für Möglichkeiten geben wird.
Soweit zum Technischen.
Die eigentliche Frage aber ist: Will ich das?
Irgendwie klingt das Ganze ja schon recht praktisch. In 5-10 Jahren könnte es theoretisch so weit sein, dass man den Geldbeutel eigentlich zu Hause lassen kann und statt dessen alles mit dem Handy macht: Bezahlen natürlich, aber das Smartphone könnte dann auch Fahrkarte, Personalausweis, Reisepass und Führerschein sein – und Haus- und Autoschlüssel!
Das wäre schon super.
Um die Sicherheit mache ich mir nicht einmal große Gedanken – letztlich wäre das sicherer als ein Geldbeutel, weil vor all den Daten noch eine PIN steht, was ja für Kreditkarten, Personalausweise und erst recht für Fahrkarten, Bargeld und Schlüssel so nicht gilt. Sperren lassen kann man die Karten ja so oder so, und ich kann mir vorstellen, dass es dann auch die viel praktischere Lösung der Remote-Löschung des Wallet-Inhalts geben wird – als ersten Versuch mit Erfolgsbestätigung natürlich nur; denn wenn der Dieb das Handy vom Netz trennt, könnte er ja trotzdem damit bezahlen (falls er die PIN kennt), deshalb muss das ganz normale Sperren im Misserfolgsfall auf jeden Fall ebenfalls vollzogen werden.
Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass findige Hacker doch Möglichkeiten finden, irgendwie in das System einzudringen. Die hardwaretechnische Lösung verspricht aber zumindest, das sehr schwer zu machen – letztlich dürfte das Mitführen eines Geldbeutels tatsächlich gefährlicher sein.
Der Punkt, der mir weniger gefällt ist aber ein ganz anderer, zu dem ich allerdings ziemlich wenig Informationen gefunden habe: Was weiß Google über mich, was wissen die Verkäufer über mich, wenn ich das System benutze?
Schließlich sollen in Zukunft auch Rabattkarten a la Payback ihren Weg in den Google-Geldbeutel finden.
Ich vermute allerdings, dass das letztlich nicht viel anders sein wird als heute: Da Google Wallet in den USA mit bereits existierender Infrastruktur eingeführt wird, dürften wohl keine zusätzlichen Daten übertragen werden, d.h. was ich einkaufe, wird Google nicht mitbekommen. Das ist schon deshalb sehr wahrscheinlich, weil gerade große Ketten und Betreiber von Kartensystemen wie Payback mit Argusaugen darüber wachen werden, dass ihr Kapital, ihre Daten also, schön bei ihnen bleiben und nicht an Dritte weitergegeben werden – schon gar nicht an einen Riesen wie Google, der ihnen ganz schnell das Wasser abgraben könnte.
Das heißt: Einkaufen mit Google Wallet wird nie so anonym sein wie mit Bargeld, dürfte aber umgekehrt auch nicht mehr Daten an alle Beteiligten liefern als der Einkauf per ec- oder Kreditkarte.
Mit einem Unterschied: Neben dem Verkäufer, dem Betreiber des Kartenterminals, der Bank und ggfs. dem Kreditkartenunternehmen weiß auch Google, bei welchen Händlern ich wieviel Geld ausgebe. Und das ist verknüpft mit meinem Google-Konto.
Am Anfang habe ich mich gefragt, was Google eigentlich davon hat, denn laut FAQ verlangt Google weder von Händlern noch von Banken oder Kreditkartenunternehmen Geld für seine Leistung – nur das Interface für die API müssen die Partner selbst programmieren.
Natürlich kann Google damit Android pushen, aber das allein reicht sicher nicht als Grund, um eine derartige Infrastruktur aufzubauen. Zudem halte ich es ohnehin für ausgemacht, dass falls das iPhone 5 NFC-fähig sein wird, und falls Apple Google machen lässt, es auch eine Google Wallet für iOS geben wird, ebenso für andere mobile Betriebssysteme.
Nein – der Punkt ist, dass Google dann weiß, wo ich wieviel Geld ausgebe. Und entsprechend besser kann Google personalisierte Werbung schalten, entsprechend mehr Geld kann Google für die Werbung verlangen („zeige das Banner nur Leuten, die schon in einer unserer Filialen eingekauft haben“), entsprechend besser lassen sich Dienste wie Google Offers verkaufen, weil sie auch für den User interessanter werden, wenn an erster Stelle Gutscheine für Geschäfte erscheinen, in denen man auch wirklich regelmäßig einkauft.
Ja, da kann einem schon mulmig werden. Andererseits ist Google momentan das einzige Unternehmen, bei dem es für mich tatsächlich in Frage kommt, auch diese Daten noch hinzuzufügen – denn Google nutzt meine Daten, klar, aber bislang kenne ich keinen Fall, wo sie in irgendeiner Weise an Dritte weiterverbreitet wurden, wie etwa Facebook es gerne tut. Trotzdem, ein wenig Bauchweh bleibt bei der Vorstellung natürlich schon.
Bin gespannt, wie ich darüber denken werde, wenn Google Wallet hierzulande eingeführt wird, und ob ich dann teilnehmen werde.
Wir werden sehen.
P.S.: Kleiner Mindfuck am Rande: Es ist heute schon ziemlich doof, wenn beim Smartphone der Akku leer ist.
Aber wie wird das erst werden, wenn ich dann keine Fahrkarten mehr habe, nicht mehr bezahlen kann, mich nicht mehr ausweisen kann und nicht einmal mehr mein Auto benutzen kann oder in mein Haus hineinkomme?
Yay! X-)
Hintergründe und Einschätzungen zu Google Wallet
Mittwoch, 17. November 2010
Lesenswerte Links: Tipps für die Verlagsbranche im Digitalzeitalter
Bei 137b zeitweise gibt es eine wunderschöne Satire über das Verhalten der deutschen Verlagsbranche in Bezug auf die Digitalisierung der Medien.
Lesenswerte Links: Tipps für die Verlagsbranche im Digitalzeitalter
Montag, 13. September 2010
Vorsicht bei der Immobilienfinanzierung
Oder: Auf die Immobilienkrise 2020/2021!
Wir haben uns soeben dagegen entschieden, doch ein Haus zu kaufen. Die Gründe sind vielfältig, auch wenn die derzeitige Zinssituation sehr verlockend gewesen wäre.
Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mich natürlich intensiv mit der Materie befasst und bei vielen Banken Angebote eingeholt. Die Ergebnisse waren ganz schön erschreckend.
Das Problem
Die Zinsen für eine Baufinanzierung sind derzeit so niedrig wie noch nie zuvor. Man bekommt das Geld gewissermaßen nachgeworfen. Schon ab unter 2,5% Nominalzins sind Darlehen zu haben, mit zehnjähriger Zinsbindungsfrist ab etwa 3%.
Selbst Vollfinanzierungen sind problemlos zu bekommen, und die Zinsen dafür sind den Risiken ganz und gar nicht angemessen.
Denn: Die Zinsen werden kaum auf diesem Niveau verharren, jedenfalls dann nicht, wenn sich die aktuelle Krise nicht doch noch als Dauerkrise des Systems herausstellen sollte. Ich gehe zwar schon davon aus, dass so schnell keine Hochzinsphase mehr anstehen wird, aber Nominalzinsen um 5-6% werden sicher wieder ereicht und wahrscheinlich auch übertroffen werden.
Die Folgen
Was sich kaum jemand klarzumachen scheint ist, was das für die Anschlussfinanzierung in zehn Jahren bedeutet. Bei einer anfänglichen Tilgung von 1%, wie sie uns von fast allen Banken per Default angeboten wurde, sind nach zehn Jahren lediglich etwas mehr als 11% der Darlehenssumme getilgt, wenn man von einem Sollzinssatz von 3,00% ausgeht.
Mehr als 88% des ursprünglichen Darlehensbetrags müssen also refinanziert werden, und zwar zu ganz anderen Konditionen als jetzt. Hinzu kommt, dass die Tilgung dann auch höher sein sollte: Würde man wieder neu mit 1% anfänglicher Tilgung beginnen, würde man die Laufzeit noch mehr verlängern, die bei so einem Darlehen ohnehin schon auf mehr als 46 Jahre (!) angelegt ist. (Bei höheren Zinsen verkürzt sich diese Laufzeit zwar durch den höheren Zinsvorteil, der pro Tilgung entsteht, aber allein der Gedanke, einem um die Dreißigjährigen ein Darlehen anzubieten, das theoretisch bis weit in sein Rentenalter hinein läuft, ist eigentlich aberwitzig.)
In Zahlen
Gehen wir von einem Darlehen zu Topkonditionen aus: € 200.000,–, 3,00% Sollzins, 1% anfängliche Tilgung, Zinsbindungsfrist 10 Jahre. Die monatliche Rate für dieses Darlehen beträgt unglaubliche € 666,67 – das ist wirklich lächerlich klein; die momentan gemietete Wohnung muss nicht eimal besonders groß sein, damit unter diesen Umständen der Kauf eines Hauses (noch nicht einmal einer Eigentumswohnung!) lohnenswert erscheint. Erscheint!
Denn in zehn Jahren geht dann das große Heulen und Zähneklappern los: Bis dahin sind wir bei einer jährlichen Tilgungsrate von etwa 1,5% angekommen, die Retschuld beträgt € 176.790,76. Das einzig sinnvolle ist, jetzt mit 1,5% Tilgung weiterzumachen, sofern man das angestrebte „mietfreie Wohnen“ jemals erleben will. Besser mehr, sonst ist man bis dahin ohnehin längst in Rente.
Bei 5% Sollzins liegt die Rate plötzlich bei € 957,18 im Monat. Hoppla. Eine Steigerung um mehr als 43%!
Der durchschnittliche Sollzins der letzten Jahrzehnte lag bei etwa 7%, 5% sind also alles andere als aus der Luft gegriffen.
Bei einer Zinssteigerung auf 6,5% läge die Rate sogar bei € 1.178,07. Gestiegen um fast 77%, einfach so.
Die Beratung
Um es kurz zu machen: Bei den meisten Banken wurde dieses Problem nicht einmal erwähnt. Entweder geht man davon aus, dass jeder Häuslebauer genug von Finanzmathematik versteht (bzw. die entsprechenden Rechner im Internet nutzt), um selbst auf diese Schwierigkeiten aufmerksam zu werden, oder das Schicksal der Kundschaft ist den Beratern völlig egal, solange nur ein Darlehen abgeschlossen werden kann.
Eine Ausnahme bildeten lediglich die Deutsche Bank und die Flessabank:
Bei der Deutschen Bank werden grundsätzlich keine Darlehen mit einer rechnerischen Laufzeit von mehr als 40 Jahren angeboten, was natürlich auch Sinn macht. Dadurch hatte das Angebot einen anfänglichen Tilgungssatz von immerhin 1,25%, was zwar immer noch nicht der Wahnsinn ist, aber die Restschuld doch um ein deutliches Sümmchen drückt.
Die Flessabank dagegen bot mit Abstand die beste Beratung. Es wurde darauf hingewiesen, dass die anfängliche Tilgung bei diesen Zinsen möglichst hoch sein sollte, am besten 2% oder mehr, um dann bei der Anschlussfinanzierung keine unüberwindlichen Hürden vor sich zu haben. Zwar konnte/wollte man kein Angebot mit fünzehnjähriger Zinsbindungsfrist machen, wie es momentan aus Kundensicht eigentlich sinnvoll wäre, aber immerhin wurden die Themen angesprochen, die eigentlich jeder einzelne andere Berater ebenfalls hätte erwähnen müssen.
Die Krone der schlechtesten Beratung darf sich aber eine andere Bank aufsetzen, die ich lieber nicht namentlich nennen will. Was mir dort geboten wurde ist wirklich ungeheuerlich:
Ich sollte einen Teil des Darlehens, konkret € 75.000,–, in Form eines Bausparvertrags und einer damit verbundenen Vorfinanzierung abschließen (auf Wunsch auch mit Riester-Förderung).
Die grundsätzliche Idee dahinter ist durchaus nicht schlecht: Man erhält ein Darlehen über den gewünschten Betrag mit relativ guten Zinsen (in diesem Fall knapp 3%). Getligt wird dieses Darlehen gar nicht, der entsprechende Tilgungssatz fließt in einen Bausparvertrag. Dieser soll bis zur Zuteilungsreife angespart werden, um mit dem Bauspardarlehen dann die Vorfinanzierung abzulösen.
Vorteil: Der Bausparvertrag garantiert einen Zins von 3,5%, der in zehn Jahren wahrscheinlich ein echtes Schnäppchen sein wird. Das Zinsrisiko ist damit praktisch null. Außerdem gibt es bei einem Bausparvertrag im Gegensatz zu einem normalen Baufinanzierungsdarlehen keine Tilgungseinschränkungen, man kann so viel einzahlen wie man will, auch sehr viel auf einmal, wenn man erbt oder im Lotto gewinnt.
Klingt super, oder? Leider gibt es ein großes Problem, das von der Beraterin mit keinem Wort erwähnt wurde:
Damit ein Bausparvertrag zuteilungsreif wird, man also die Bausparsumme ausgezahlt bekommen kann, muss er zu 40% befüllt sein. Bis zum Ende der Zinsbindungsfrist nach zehn Jahren wäre diese Befüllung aber nicht annähernd erreicht gewesen. Konkret hätten wir „mal eben“ um die € 20.000,– „Sondertilgung“ leisten müssen, um das Bauspardarlehen, mit dem die Vorfinanzierung abgelöst werden sollte, überhaupt erhalten zu können.
Als ich die Beraterin darauf ansprach, war sie nicht einmal peinlich berührt, sondern sagte nur, man könne ja bei einem Bausparvertrag problemlos jederzeit mehr einzahlen. Nur: Von welchem Geld? Schließlich hatte ich ihr zuvor unsere Finanzsituation dargelegt, und ihr musste klar sein, dass bei der Gesamtbelastung nichts für „mal eben ein paar Tilgungen zwischendurch“ übrig sein würde, geschweige denn € 20.000,–.
Da kommt fast schon das Gefühl auf, manche Bank wolle ihre Kunden absichtlich in den Ruin treiben.
Die Perspektive
Einer der Berater erwähnte, dass die Immobilienpreise momentan kräftig steigen, weil sich plötzlich so viele Leute eine Immobilienfinanzierung leisten können.
Ich frage mich, ob eigentlich irgendwer auch an die Zukunft denkt. Die Kunden der Banken einerseits, die sich ihre finanziellen Möglichkeiten schönreden und von den Zinsen in zehn Jahren nichts wissen oder nichts wissen wollen. Die Banken andererseits, die unmöglich allen ernstes davon ausgehen können, dass all diese Darlehen in zehn Jahren tatsächlich refinanziert werden können.
Man muss kein studierter Wirtschaftstheoretiker sein, um jetzt schon absehen zu können, was in den Jahren 2020/2021 passieren wird: Große Mengen von Immobilienfinanzierungen platzen, weil die Darlehensnehmer nicht in der Lage sind, die Anschlussfinanzierung zu bezahlen.
Mit Glück führt das (neben einer Menge schlimmer Schicksale) „nur“ zu günstigen Immobilien in diesem Zeitfenster, und zu einem deutlichen Anstieg der Zwangsversteigerungen. Mit Pech zeichnet sich hier die nächste Finanzmarktkrise schon am Horizont ab.
Wir haben uns soeben dagegen entschieden, doch ein Haus zu kaufen. Die Gründe sind vielfältig, auch wenn die derzeitige Zinssituation sehr verlockend gewesen wäre.
Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mich natürlich intensiv mit der Materie befasst und bei vielen Banken Angebote eingeholt. Die Ergebnisse waren ganz schön erschreckend.
Das Problem
Die Zinsen für eine Baufinanzierung sind derzeit so niedrig wie noch nie zuvor. Man bekommt das Geld gewissermaßen nachgeworfen. Schon ab unter 2,5% Nominalzins sind Darlehen zu haben, mit zehnjähriger Zinsbindungsfrist ab etwa 3%.
Selbst Vollfinanzierungen sind problemlos zu bekommen, und die Zinsen dafür sind den Risiken ganz und gar nicht angemessen.
Denn: Die Zinsen werden kaum auf diesem Niveau verharren, jedenfalls dann nicht, wenn sich die aktuelle Krise nicht doch noch als Dauerkrise des Systems herausstellen sollte. Ich gehe zwar schon davon aus, dass so schnell keine Hochzinsphase mehr anstehen wird, aber Nominalzinsen um 5-6% werden sicher wieder ereicht und wahrscheinlich auch übertroffen werden.
Die Folgen
Was sich kaum jemand klarzumachen scheint ist, was das für die Anschlussfinanzierung in zehn Jahren bedeutet. Bei einer anfänglichen Tilgung von 1%, wie sie uns von fast allen Banken per Default angeboten wurde, sind nach zehn Jahren lediglich etwas mehr als 11% der Darlehenssumme getilgt, wenn man von einem Sollzinssatz von 3,00% ausgeht.
Mehr als 88% des ursprünglichen Darlehensbetrags müssen also refinanziert werden, und zwar zu ganz anderen Konditionen als jetzt. Hinzu kommt, dass die Tilgung dann auch höher sein sollte: Würde man wieder neu mit 1% anfänglicher Tilgung beginnen, würde man die Laufzeit noch mehr verlängern, die bei so einem Darlehen ohnehin schon auf mehr als 46 Jahre (!) angelegt ist. (Bei höheren Zinsen verkürzt sich diese Laufzeit zwar durch den höheren Zinsvorteil, der pro Tilgung entsteht, aber allein der Gedanke, einem um die Dreißigjährigen ein Darlehen anzubieten, das theoretisch bis weit in sein Rentenalter hinein läuft, ist eigentlich aberwitzig.)
In Zahlen
Gehen wir von einem Darlehen zu Topkonditionen aus: € 200.000,–, 3,00% Sollzins, 1% anfängliche Tilgung, Zinsbindungsfrist 10 Jahre. Die monatliche Rate für dieses Darlehen beträgt unglaubliche € 666,67 – das ist wirklich lächerlich klein; die momentan gemietete Wohnung muss nicht eimal besonders groß sein, damit unter diesen Umständen der Kauf eines Hauses (noch nicht einmal einer Eigentumswohnung!) lohnenswert erscheint. Erscheint!
Denn in zehn Jahren geht dann das große Heulen und Zähneklappern los: Bis dahin sind wir bei einer jährlichen Tilgungsrate von etwa 1,5% angekommen, die Retschuld beträgt € 176.790,76. Das einzig sinnvolle ist, jetzt mit 1,5% Tilgung weiterzumachen, sofern man das angestrebte „mietfreie Wohnen“ jemals erleben will. Besser mehr, sonst ist man bis dahin ohnehin längst in Rente.
Bei 5% Sollzins liegt die Rate plötzlich bei € 957,18 im Monat. Hoppla. Eine Steigerung um mehr als 43%!
Der durchschnittliche Sollzins der letzten Jahrzehnte lag bei etwa 7%, 5% sind also alles andere als aus der Luft gegriffen.
Bei einer Zinssteigerung auf 6,5% läge die Rate sogar bei € 1.178,07. Gestiegen um fast 77%, einfach so.
Die Beratung
Um es kurz zu machen: Bei den meisten Banken wurde dieses Problem nicht einmal erwähnt. Entweder geht man davon aus, dass jeder Häuslebauer genug von Finanzmathematik versteht (bzw. die entsprechenden Rechner im Internet nutzt), um selbst auf diese Schwierigkeiten aufmerksam zu werden, oder das Schicksal der Kundschaft ist den Beratern völlig egal, solange nur ein Darlehen abgeschlossen werden kann.
Eine Ausnahme bildeten lediglich die Deutsche Bank und die Flessabank:
Bei der Deutschen Bank werden grundsätzlich keine Darlehen mit einer rechnerischen Laufzeit von mehr als 40 Jahren angeboten, was natürlich auch Sinn macht. Dadurch hatte das Angebot einen anfänglichen Tilgungssatz von immerhin 1,25%, was zwar immer noch nicht der Wahnsinn ist, aber die Restschuld doch um ein deutliches Sümmchen drückt.
Die Flessabank dagegen bot mit Abstand die beste Beratung. Es wurde darauf hingewiesen, dass die anfängliche Tilgung bei diesen Zinsen möglichst hoch sein sollte, am besten 2% oder mehr, um dann bei der Anschlussfinanzierung keine unüberwindlichen Hürden vor sich zu haben. Zwar konnte/wollte man kein Angebot mit fünzehnjähriger Zinsbindungsfrist machen, wie es momentan aus Kundensicht eigentlich sinnvoll wäre, aber immerhin wurden die Themen angesprochen, die eigentlich jeder einzelne andere Berater ebenfalls hätte erwähnen müssen.
Die Krone der schlechtesten Beratung darf sich aber eine andere Bank aufsetzen, die ich lieber nicht namentlich nennen will. Was mir dort geboten wurde ist wirklich ungeheuerlich:
Ich sollte einen Teil des Darlehens, konkret € 75.000,–, in Form eines Bausparvertrags und einer damit verbundenen Vorfinanzierung abschließen (auf Wunsch auch mit Riester-Förderung).
Die grundsätzliche Idee dahinter ist durchaus nicht schlecht: Man erhält ein Darlehen über den gewünschten Betrag mit relativ guten Zinsen (in diesem Fall knapp 3%). Getligt wird dieses Darlehen gar nicht, der entsprechende Tilgungssatz fließt in einen Bausparvertrag. Dieser soll bis zur Zuteilungsreife angespart werden, um mit dem Bauspardarlehen dann die Vorfinanzierung abzulösen.
Vorteil: Der Bausparvertrag garantiert einen Zins von 3,5%, der in zehn Jahren wahrscheinlich ein echtes Schnäppchen sein wird. Das Zinsrisiko ist damit praktisch null. Außerdem gibt es bei einem Bausparvertrag im Gegensatz zu einem normalen Baufinanzierungsdarlehen keine Tilgungseinschränkungen, man kann so viel einzahlen wie man will, auch sehr viel auf einmal, wenn man erbt oder im Lotto gewinnt.
Klingt super, oder? Leider gibt es ein großes Problem, das von der Beraterin mit keinem Wort erwähnt wurde:
Damit ein Bausparvertrag zuteilungsreif wird, man also die Bausparsumme ausgezahlt bekommen kann, muss er zu 40% befüllt sein. Bis zum Ende der Zinsbindungsfrist nach zehn Jahren wäre diese Befüllung aber nicht annähernd erreicht gewesen. Konkret hätten wir „mal eben“ um die € 20.000,– „Sondertilgung“ leisten müssen, um das Bauspardarlehen, mit dem die Vorfinanzierung abgelöst werden sollte, überhaupt erhalten zu können.
Als ich die Beraterin darauf ansprach, war sie nicht einmal peinlich berührt, sondern sagte nur, man könne ja bei einem Bausparvertrag problemlos jederzeit mehr einzahlen. Nur: Von welchem Geld? Schließlich hatte ich ihr zuvor unsere Finanzsituation dargelegt, und ihr musste klar sein, dass bei der Gesamtbelastung nichts für „mal eben ein paar Tilgungen zwischendurch“ übrig sein würde, geschweige denn € 20.000,–.
Da kommt fast schon das Gefühl auf, manche Bank wolle ihre Kunden absichtlich in den Ruin treiben.
Die Perspektive
Einer der Berater erwähnte, dass die Immobilienpreise momentan kräftig steigen, weil sich plötzlich so viele Leute eine Immobilienfinanzierung leisten können.
Ich frage mich, ob eigentlich irgendwer auch an die Zukunft denkt. Die Kunden der Banken einerseits, die sich ihre finanziellen Möglichkeiten schönreden und von den Zinsen in zehn Jahren nichts wissen oder nichts wissen wollen. Die Banken andererseits, die unmöglich allen ernstes davon ausgehen können, dass all diese Darlehen in zehn Jahren tatsächlich refinanziert werden können.
Man muss kein studierter Wirtschaftstheoretiker sein, um jetzt schon absehen zu können, was in den Jahren 2020/2021 passieren wird: Große Mengen von Immobilienfinanzierungen platzen, weil die Darlehensnehmer nicht in der Lage sind, die Anschlussfinanzierung zu bezahlen.
Mit Glück führt das (neben einer Menge schlimmer Schicksale) „nur“ zu günstigen Immobilien in diesem Zeitfenster, und zu einem deutlichen Anstieg der Zwangsversteigerungen. Mit Pech zeichnet sich hier die nächste Finanzmarktkrise schon am Horizont ab.
Oder: Auf die Immobilienkrise 2020/2021!
Wir haben uns soeben dagegen entschieden, doch ein Haus zu kaufen. Die Gründe sind vielfältig, auch wenn die derzeitige Zinssituation sehr verlockend gewesen wäre.
Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mich natürlich intensiv mit der Materie befasst und bei vielen Banken Angebote eingeholt. Die Ergebnisse waren ganz schön erschreckend.
Das Problem
Die Zinsen für eine Baufinanzierung sind derzeit so niedrig wie noch nie zuvor. Man bekommt das Geld gewissermaßen nachgeworfen. Schon ab unter 2,5% Nominalzins sind Darlehen zu haben, mit zehnjähriger Zinsbindungsfrist ab etwa 3%.
Selbst Vollfinanzierungen sind problemlos zu bekommen, und die Zinsen dafür sind den Risiken ganz und gar nicht angemessen.
Denn: Die Zinsen werden kaum auf diesem Niveau verharren, jedenfalls dann nicht, wenn sich die aktuelle Krise nicht doch noch als Dauerkrise des Systems herausstellen sollte. Ich gehe zwar schon davon aus, dass so schnell keine Hochzinsphase mehr anstehen wird, aber Nominalzinsen um 5-6% werden sicher wieder ereicht und wahrscheinlich auch übertroffen werden.
Die Folgen
Was sich kaum jemand klarzumachen scheint ist, was das für die Anschlussfinanzierung in zehn Jahren bedeutet. Bei einer anfänglichen Tilgung von 1%, wie sie uns von fast allen Banken per Default angeboten wurde, sind nach zehn Jahren lediglich etwas mehr als 11% der Darlehenssumme getilgt, wenn man von einem Sollzinssatz von 3,00% ausgeht.
Mehr als 88% des ursprünglichen Darlehensbetrags müssen also refinanziert werden, und zwar zu ganz anderen Konditionen als jetzt. Hinzu kommt, dass die Tilgung dann auch höher sein sollte: Würde man wieder neu mit 1% anfänglicher Tilgung beginnen, würde man die Laufzeit noch mehr verlängern, die bei so einem Darlehen ohnehin schon auf mehr als 46 Jahre (!) angelegt ist. (Bei höheren Zinsen verkürzt sich diese Laufzeit zwar durch den höheren Zinsvorteil, der pro Tilgung entsteht, aber allein der Gedanke, einem um die Dreißigjährigen ein Darlehen anzubieten, das theoretisch bis weit in sein Rentenalter hinein läuft, ist eigentlich aberwitzig.)
In Zahlen
Gehen wir von einem Darlehen zu Topkonditionen aus: € 200.000,–, 3,00% Sollzins, 1% anfängliche Tilgung, Zinsbindungsfrist 10 Jahre. Die monatliche Rate für dieses Darlehen beträgt unglaubliche € 666,67 – das ist wirklich lächerlich klein; die momentan gemietete Wohnung muss nicht eimal besonders groß sein, damit unter diesen Umständen der Kauf eines Hauses (noch nicht einmal einer Eigentumswohnung!) lohnenswert erscheint. Erscheint!
Denn in zehn Jahren geht dann das große Heulen und Zähneklappern los: Bis dahin sind wir bei einer jährlichen Tilgungsrate von etwa 1,5% angekommen, die Retschuld beträgt € 176.790,76. Das einzig sinnvolle ist, jetzt mit 1,5% Tilgung weiterzumachen, sofern man das angestrebte „mietfreie Wohnen“ jemals erleben will. Besser mehr, sonst ist man bis dahin ohnehin längst in Rente.
Bei 5% Sollzins liegt die Rate plötzlich bei € 957,18 im Monat. Hoppla. Eine Steigerung um mehr als 43%!
Der durchschnittliche Sollzins der letzten Jahrzehnte lag bei etwa 7%, 5% sind also alles andere als aus der Luft gegriffen.
Bei einer Zinssteigerung auf 6,5% läge die Rate sogar bei € 1.178,07. Gestiegen um fast 77%, einfach so.
Die Beratung
Um es kurz zu machen: Bei den meisten Banken wurde dieses Problem nicht einmal erwähnt. Entweder geht man davon aus, dass jeder Häuslebauer genug von Finanzmathematik versteht (bzw. die entsprechenden Rechner im Internet nutzt), um selbst auf diese Schwierigkeiten aufmerksam zu werden, oder das Schicksal der Kundschaft ist den Beratern völlig egal, solange nur ein Darlehen abgeschlossen werden kann.
Eine Ausnahme bildeten lediglich die Deutsche Bank und die Flessabank:
Bei der Deutschen Bank werden grundsätzlich keine Darlehen mit einer rechnerischen Laufzeit von mehr als 40 Jahren angeboten, was natürlich auch Sinn macht. Dadurch hatte das Angebot einen anfänglichen Tilgungssatz von immerhin 1,25%, was zwar immer noch nicht der Wahnsinn ist, aber die Restschuld doch um ein deutliches Sümmchen drückt.
Die Flessabank dagegen bot mit Abstand die beste Beratung. Es wurde darauf hingewiesen, dass die anfängliche Tilgung bei diesen Zinsen möglichst hoch sein sollte, am besten 2% oder mehr, um dann bei der Anschlussfinanzierung keine unüberwindlichen Hürden vor sich zu haben. Zwar konnte/wollte man kein Angebot mit fünzehnjähriger Zinsbindungsfrist machen, wie es momentan aus Kundensicht eigentlich sinnvoll wäre, aber immerhin wurden die Themen angesprochen, die eigentlich jeder einzelne andere Berater ebenfalls hätte erwähnen müssen.
Die Krone der schlechtesten Beratung darf sich aber eine andere Bank aufsetzen, die ich lieber nicht namentlich nennen will. Was mir dort geboten wurde ist wirklich ungeheuerlich:
Ich sollte einen Teil des Darlehens, konkret € 75.000,–, in Form eines Bausparvertrags und einer damit verbundenen Vorfinanzierung abschließen (auf Wunsch auch mit Riester-Förderung).
Die grundsätzliche Idee dahinter ist durchaus nicht schlecht: Man erhält ein Darlehen über den gewünschten Betrag mit relativ guten Zinsen (in diesem Fall knapp 3%). Getligt wird dieses Darlehen gar nicht, der entsprechende Tilgungssatz fließt in einen Bausparvertrag. Dieser soll bis zur Zuteilungsreife angespart werden, um mit dem Bauspardarlehen dann die Vorfinanzierung abzulösen.
Vorteil: Der Bausparvertrag garantiert einen Zins von 3,5%, der in zehn Jahren wahrscheinlich ein echtes Schnäppchen sein wird. Das Zinsrisiko ist damit praktisch null. Außerdem gibt es bei einem Bausparvertrag im Gegensatz zu einem normalen Baufinanzierungsdarlehen keine Tilgungseinschränkungen, man kann so viel einzahlen wie man will, auch sehr viel auf einmal, wenn man erbt oder im Lotto gewinnt.
Klingt super, oder? Leider gibt es ein großes Problem, das von der Beraterin mit keinem Wort erwähnt wurde:
Damit ein Bausparvertrag zuteilungsreif wird, man also die Bausparsumme ausgezahlt bekommen kann, muss er zu 40% befüllt sein. Bis zum Ende der Zinsbindungsfrist nach zehn Jahren wäre diese Befüllung aber nicht annähernd erreicht gewesen. Konkret hätten wir „mal eben“ um die € 20.000,– „Sondertilgung“ leisten müssen, um das Bauspardarlehen, mit dem die Vorfinanzierung abgelöst werden sollte, überhaupt erhalten zu können.
Als ich die Beraterin darauf ansprach, war sie nicht einmal peinlich berührt, sondern sagte nur, man könne ja bei einem Bausparvertrag problemlos jederzeit mehr einzahlen. Nur: Von welchem Geld? Schließlich hatte ich ihr zuvor unsere Finanzsituation dargelegt, und ihr musste klar sein, dass bei der Gesamtbelastung nichts für „mal eben ein paar Tilgungen zwischendurch“ übrig sein würde, geschweige denn € 20.000,–.
Da kommt fast schon das Gefühl auf, manche Bank wolle ihre Kunden absichtlich in den Ruin treiben.
Die Perspektive
Einer der Berater erwähnte, dass die Immobilienpreise momentan kräftig steigen, weil sich plötzlich so viele Leute eine Immobilienfinanzierung leisten können.
Ich frage mich, ob eigentlich irgendwer auch an die Zukunft denkt. Die Kunden der Banken einerseits, die sich ihre finanziellen Möglichkeiten schönreden und von den Zinsen in zehn Jahren nichts wissen oder nichts wissen wollen. Die Banken andererseits, die unmöglich allen ernstes davon ausgehen können, dass all diese Darlehen in zehn Jahren tatsächlich refinanziert werden können.
Man muss kein studierter Wirtschaftstheoretiker sein, um jetzt schon absehen zu können, was in den Jahren 2020/2021 passieren wird: Große Mengen von Immobilienfinanzierungen platzen, weil die Darlehensnehmer nicht in der Lage sind, die Anschlussfinanzierung zu bezahlen.
Mit Glück führt das (neben einer Menge schlimmer Schicksale) „nur“ zu günstigen Immobilien in diesem Zeitfenster, und zu einem deutlichen Anstieg der Zwangsversteigerungen. Mit Pech zeichnet sich hier die nächste Finanzmarktkrise schon am Horizont ab.
Wir haben uns soeben dagegen entschieden, doch ein Haus zu kaufen. Die Gründe sind vielfältig, auch wenn die derzeitige Zinssituation sehr verlockend gewesen wäre.
Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mich natürlich intensiv mit der Materie befasst und bei vielen Banken Angebote eingeholt. Die Ergebnisse waren ganz schön erschreckend.
Das Problem
Die Zinsen für eine Baufinanzierung sind derzeit so niedrig wie noch nie zuvor. Man bekommt das Geld gewissermaßen nachgeworfen. Schon ab unter 2,5% Nominalzins sind Darlehen zu haben, mit zehnjähriger Zinsbindungsfrist ab etwa 3%.
Selbst Vollfinanzierungen sind problemlos zu bekommen, und die Zinsen dafür sind den Risiken ganz und gar nicht angemessen.
Denn: Die Zinsen werden kaum auf diesem Niveau verharren, jedenfalls dann nicht, wenn sich die aktuelle Krise nicht doch noch als Dauerkrise des Systems herausstellen sollte. Ich gehe zwar schon davon aus, dass so schnell keine Hochzinsphase mehr anstehen wird, aber Nominalzinsen um 5-6% werden sicher wieder ereicht und wahrscheinlich auch übertroffen werden.
Die Folgen
Was sich kaum jemand klarzumachen scheint ist, was das für die Anschlussfinanzierung in zehn Jahren bedeutet. Bei einer anfänglichen Tilgung von 1%, wie sie uns von fast allen Banken per Default angeboten wurde, sind nach zehn Jahren lediglich etwas mehr als 11% der Darlehenssumme getilgt, wenn man von einem Sollzinssatz von 3,00% ausgeht.
Mehr als 88% des ursprünglichen Darlehensbetrags müssen also refinanziert werden, und zwar zu ganz anderen Konditionen als jetzt. Hinzu kommt, dass die Tilgung dann auch höher sein sollte: Würde man wieder neu mit 1% anfänglicher Tilgung beginnen, würde man die Laufzeit noch mehr verlängern, die bei so einem Darlehen ohnehin schon auf mehr als 46 Jahre (!) angelegt ist. (Bei höheren Zinsen verkürzt sich diese Laufzeit zwar durch den höheren Zinsvorteil, der pro Tilgung entsteht, aber allein der Gedanke, einem um die Dreißigjährigen ein Darlehen anzubieten, das theoretisch bis weit in sein Rentenalter hinein läuft, ist eigentlich aberwitzig.)
In Zahlen
Gehen wir von einem Darlehen zu Topkonditionen aus: € 200.000,–, 3,00% Sollzins, 1% anfängliche Tilgung, Zinsbindungsfrist 10 Jahre. Die monatliche Rate für dieses Darlehen beträgt unglaubliche € 666,67 – das ist wirklich lächerlich klein; die momentan gemietete Wohnung muss nicht eimal besonders groß sein, damit unter diesen Umständen der Kauf eines Hauses (noch nicht einmal einer Eigentumswohnung!) lohnenswert erscheint. Erscheint!
Denn in zehn Jahren geht dann das große Heulen und Zähneklappern los: Bis dahin sind wir bei einer jährlichen Tilgungsrate von etwa 1,5% angekommen, die Retschuld beträgt € 176.790,76. Das einzig sinnvolle ist, jetzt mit 1,5% Tilgung weiterzumachen, sofern man das angestrebte „mietfreie Wohnen“ jemals erleben will. Besser mehr, sonst ist man bis dahin ohnehin längst in Rente.
Bei 5% Sollzins liegt die Rate plötzlich bei € 957,18 im Monat. Hoppla. Eine Steigerung um mehr als 43%!
Der durchschnittliche Sollzins der letzten Jahrzehnte lag bei etwa 7%, 5% sind also alles andere als aus der Luft gegriffen.
Bei einer Zinssteigerung auf 6,5% läge die Rate sogar bei € 1.178,07. Gestiegen um fast 77%, einfach so.
Die Beratung
Um es kurz zu machen: Bei den meisten Banken wurde dieses Problem nicht einmal erwähnt. Entweder geht man davon aus, dass jeder Häuslebauer genug von Finanzmathematik versteht (bzw. die entsprechenden Rechner im Internet nutzt), um selbst auf diese Schwierigkeiten aufmerksam zu werden, oder das Schicksal der Kundschaft ist den Beratern völlig egal, solange nur ein Darlehen abgeschlossen werden kann.
Eine Ausnahme bildeten lediglich die Deutsche Bank und die Flessabank:
Bei der Deutschen Bank werden grundsätzlich keine Darlehen mit einer rechnerischen Laufzeit von mehr als 40 Jahren angeboten, was natürlich auch Sinn macht. Dadurch hatte das Angebot einen anfänglichen Tilgungssatz von immerhin 1,25%, was zwar immer noch nicht der Wahnsinn ist, aber die Restschuld doch um ein deutliches Sümmchen drückt.
Die Flessabank dagegen bot mit Abstand die beste Beratung. Es wurde darauf hingewiesen, dass die anfängliche Tilgung bei diesen Zinsen möglichst hoch sein sollte, am besten 2% oder mehr, um dann bei der Anschlussfinanzierung keine unüberwindlichen Hürden vor sich zu haben. Zwar konnte/wollte man kein Angebot mit fünzehnjähriger Zinsbindungsfrist machen, wie es momentan aus Kundensicht eigentlich sinnvoll wäre, aber immerhin wurden die Themen angesprochen, die eigentlich jeder einzelne andere Berater ebenfalls hätte erwähnen müssen.
Die Krone der schlechtesten Beratung darf sich aber eine andere Bank aufsetzen, die ich lieber nicht namentlich nennen will. Was mir dort geboten wurde ist wirklich ungeheuerlich:
Ich sollte einen Teil des Darlehens, konkret € 75.000,–, in Form eines Bausparvertrags und einer damit verbundenen Vorfinanzierung abschließen (auf Wunsch auch mit Riester-Förderung).
Die grundsätzliche Idee dahinter ist durchaus nicht schlecht: Man erhält ein Darlehen über den gewünschten Betrag mit relativ guten Zinsen (in diesem Fall knapp 3%). Getligt wird dieses Darlehen gar nicht, der entsprechende Tilgungssatz fließt in einen Bausparvertrag. Dieser soll bis zur Zuteilungsreife angespart werden, um mit dem Bauspardarlehen dann die Vorfinanzierung abzulösen.
Vorteil: Der Bausparvertrag garantiert einen Zins von 3,5%, der in zehn Jahren wahrscheinlich ein echtes Schnäppchen sein wird. Das Zinsrisiko ist damit praktisch null. Außerdem gibt es bei einem Bausparvertrag im Gegensatz zu einem normalen Baufinanzierungsdarlehen keine Tilgungseinschränkungen, man kann so viel einzahlen wie man will, auch sehr viel auf einmal, wenn man erbt oder im Lotto gewinnt.
Klingt super, oder? Leider gibt es ein großes Problem, das von der Beraterin mit keinem Wort erwähnt wurde:
Damit ein Bausparvertrag zuteilungsreif wird, man also die Bausparsumme ausgezahlt bekommen kann, muss er zu 40% befüllt sein. Bis zum Ende der Zinsbindungsfrist nach zehn Jahren wäre diese Befüllung aber nicht annähernd erreicht gewesen. Konkret hätten wir „mal eben“ um die € 20.000,– „Sondertilgung“ leisten müssen, um das Bauspardarlehen, mit dem die Vorfinanzierung abgelöst werden sollte, überhaupt erhalten zu können.
Als ich die Beraterin darauf ansprach, war sie nicht einmal peinlich berührt, sondern sagte nur, man könne ja bei einem Bausparvertrag problemlos jederzeit mehr einzahlen. Nur: Von welchem Geld? Schließlich hatte ich ihr zuvor unsere Finanzsituation dargelegt, und ihr musste klar sein, dass bei der Gesamtbelastung nichts für „mal eben ein paar Tilgungen zwischendurch“ übrig sein würde, geschweige denn € 20.000,–.
Da kommt fast schon das Gefühl auf, manche Bank wolle ihre Kunden absichtlich in den Ruin treiben.
Die Perspektive
Einer der Berater erwähnte, dass die Immobilienpreise momentan kräftig steigen, weil sich plötzlich so viele Leute eine Immobilienfinanzierung leisten können.
Ich frage mich, ob eigentlich irgendwer auch an die Zukunft denkt. Die Kunden der Banken einerseits, die sich ihre finanziellen Möglichkeiten schönreden und von den Zinsen in zehn Jahren nichts wissen oder nichts wissen wollen. Die Banken andererseits, die unmöglich allen ernstes davon ausgehen können, dass all diese Darlehen in zehn Jahren tatsächlich refinanziert werden können.
Man muss kein studierter Wirtschaftstheoretiker sein, um jetzt schon absehen zu können, was in den Jahren 2020/2021 passieren wird: Große Mengen von Immobilienfinanzierungen platzen, weil die Darlehensnehmer nicht in der Lage sind, die Anschlussfinanzierung zu bezahlen.
Mit Glück führt das (neben einer Menge schlimmer Schicksale) „nur“ zu günstigen Immobilien in diesem Zeitfenster, und zu einem deutlichen Anstieg der Zwangsversteigerungen. Mit Pech zeichnet sich hier die nächste Finanzmarktkrise schon am Horizont ab.
Vorsicht bei der Immobilienfinanzierung
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