Dienstag, 17. November 2009

Google Wave

So, jetzt habe ich also auch endlich einen Wave-Invite von Google bekommen. Zwar habe ich noch nicht richtig mit Freunden testen können, aber zumindest mit einem alten Bekannten und in ein paar öffentlichen Waves.
Bisheriges Fazit: Sehr, sehr cool.
Die Klagen, die man bisher oft lesen konnte, Google Wave sei überladen, unübersichtlich, zuviel des Guten usw., kann ich so nicht nachvollziehen.
Oder besser: Es gibt Dinge, für die Google Wave in seiner jetzigen Form einfach nicht sinnvoll einsetzbar ist. Dazu gehören mit Sicherheit größere Chats, in denen mehr als fünf oder zehn Leute gleichzeitig versuchen, miteinander zu kommunizieren.
Aber beginnen wir von vorne:
Man liest immer wieder, es sei schwer zu beschreiben, was Google Wave eigentlich ist. Auch das kann ich nicht nachvollziehen, es ist eigentlich ganz einfach:
Eine Wave ist so etwas wie ein Textverarbeitungsdokument, an dem mehrere Leute gleichzeitig arbeiten können. Jeder Teilnehmer an einer Wave kann weitere Teilnehmer hinzufügen. Wenn jemand etwas in eine Wave hineintippt und andere Teilnehmer gleichzeitig online sind, können sie demjenigen direkt beim Tippen zusehen.
Wie in einer Textverarbeitung auch können alle Einträge formatiert werden. Außerdem können Bilder, beliebige andere Dateien und auch „Gadgets“ eingefügt werden, die dann zusätzlich Funktionalität zur Verfügung stellen.
Von Google gibt es zum Beispiel ein Map-Gadget, mit dem gemeinsam Routen geplant und Orte markiert werden können, sowie ein Yes/No/Maybe-Gadget, mit dem beispielsweise die Teilnehmer einer geplanten Party zu- oder absagen können. Schon jetzt gibt es diverse Drittangebote; in Zukunft wird es sicher eine große Menge nützlicher Gadgets für die unterschiedlichsten Aufgaben geben.
Die Wave selbst ist in „Blips“ unterteilt, einzelne Nachrichten also, die das ganze ein wenig strukturieren und unterteilen. Diese Blips können vom ursprünglichen Autor selbst und auch von Anderen beliebig verändert werden, und man kann auf ein Blip direkt mit einem anderen Blip antworten, das dann eingerückt eingefügt wird.
Über das „Playback“-Feature kann man nachvollziehen, wie die Wave entstand und nach und nach verändert wurde. Keine Version der Wave ist also verloren, es bleibt immer nachvollziehbar, wer wann was geändert hat.
Waves sind normalerweise nur für ihre Teilnehmer einseh- und veränderbar. Durch Hinzufügen eines Pseudo-Benutzers kann man eine Wave aber als „public“ definieren. Somit kann sie jeder sehen und daran teilnehmen.

Aus diesen Punkten ergibt sich klar, wofür Google Wave momentan geeignet ist und wofür nicht:
  • Chats mit vielen Leuten sind Unsinn und werden sehr schnell sehr unübersichtlich. Nicht nur kann an mehreren Stellen gleichzeitig etwas passieren, diese Stellen können auch noch sehr weit auseinanderliegen, also ganz am Anfang und ganz Ende einer Wave. Das kann man in Echtzeit nicht mehr überblicken.
  • Waves mit vielen Teilnehmern sind oft sehr langsam. Auch deshalb sind sie eher zu vermeiden.
  • Wo viele Leute viel editieren, und das an unterschiedlichsten Stellen, „zerfasert“ die Information, und es entsteht ziemliches Chaos. Das ist wie als hätte man alle Artikel einer Newsgroup gemeinsam in einem Dokument, das sich bei neuen Posts jeweils ändert, und man würde versuchen, da den Überblick zu behalten. Nicht sinnvoll.
  • Genial ist Google Wave allerdings, um einfach mit ein paar Freunden zu kommunizieren. Man richtet sich eine gemeinsame Wave ein, und wer etwas interessantes zu berichten hat, schreibt es rein. Die anderen sehen es dann, wenn sie sich das nächste mal einloggen, und wenn man zufällig gleichzeitig online ist, kann man gleich miteinander chatten.
  • Auch, wenn kleine Gruppen etwas gemeinsam planen oder erarbeiten, ist Google Wave nahezu perfekt.
Gerade der erste positive Punkt, die Freunde-Wave, ist für mich sehr überzeugend. Das ist genau das, was ich mir schon länger gewünscht habe. Die Zeiten, wo viele Freunde und ich selbst praktisch jeden Abend online waren, sind einfach vorbei – hier ist endlich das Tool, mit dem man sinnvoll ansynchron chatten kann!

Momentan gibt es allerdings auch noch einige Kinderkrankheiten, die ich nicht verschweigen will:
  • Manchmal lässt das Tempo zu wünschen übrig. Das hat sich bei meinen Versuchen bisher aber in Grenzen gehalten.
  • Man kann sich nicht aus einer Wave wieder entfernen. Zwar kann man Updates ignorieren, man bleibt aber immer als Teilnehmer gelistet. Das ist vor allem insofern problematisch, als man (außer bei Public Waves) in der Regel von Anderen zu einer Wave hinzugefügt wird. Was, wenn mich ein unbekannter Scherzbold in einer Public Wave entdeckt und mich zu einer Kinderporne-Wave hinzufügt? Nicht lustig. So ein Remove soll aber bald möglich sein.
  • Bisher gibt es keinerlei Möglichkeiten (außer in Grenzen mit Bots), einen Blip vor Veränderungen durch andere zu schützen. Damit ist in Public Waves nicht nur Spammern Tür und Tor geöffnet, auch Trolle können beliebig Leute ärgern. Wie sinnvoll Public Waves überhaupt sind, ist zwar wie gesagt fraglich, aber ohne solche Möglichkeiten werden sie mit steigender Userzahl des Diensten komplett unbenutzbar werden.
Fazit: Ich finde Google Wave klasse. Vor allem die Möglichkeiten, die sich zukünftig mit eigenen Wave Providern (Servern für den Wave-Dienst) bieten werden, klingen vielversprechend. Dazu werde ich noch einmal gesondert posten.
Trotzdem werden viele Neu-User enttäuscht sein. Wenn ich lese, dass manche Wave als einen Ersatz für Webforen verstehen, kann ich nur den Kopf schütteln. Eine Art Wiki vielleicht, aber sicher kein Forum. Auch Massenchats sind prinzipbedingt einfach Quatsch, zumindest mit den aktuellen Möglichkeiten.
Für bestimmte Anwendungen ist es aber schon jetzt spitze. Gut gemacht, Google!

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