Dienstag, 8. Juni 2010

Das neue iPhone

Gestern wurde es also vorgestellt, das neue iPhone 4. Es gibt wenig spannendes Neues zu verzeichnen, und doch löst das Gerät bei mir ein gewisses „Haben wollen!“-Gefühl aus, obwohl ich gerade erst vom iPhone 3G zu Android gewechselt bin. Verrückt, oder?
Was hätte das neue Apple-Gadget denn, was mich doch noch zum Kauf verleiten könnte?
  • Ein beeindruckendes Display, wenn auch nach meinem Dafürhalten zu klein. So viele Pixel auf so kleinem Raum sind eigentlich ziemlich unsinnig, weil, wie Jobs selbst betonte, die Auflösung des Displays nun die des Auges übertrifft. Deshalb nennen sie es auch ein wenig hochtrabend „Retina-Display“ (Netzhaut-Display).
    Gibt es jetzt einen neuen Megapixel-Wahn bei Displays, der uns irgendwann das 1200ppi-Display bescheren wird, dessen einzelne Punkte nur noch mit dem Mikroskop erkennbar sind?
    Tatsächlich stößt das neue Display nicht nur in druckerähnliche Auflösungsregionen vor, es hat sogar eine höhere Auflösung als die der meisten Drucker, zumindest, wenn es um Farbausgabe geht. Da ein Vierfarbdrucker (CMYK) dithern muss, liefert er bei Farbausgabe eine effektive Auflösung von ungefähr 300ppi, wenn mit 1200dpi gedruckt wird. Sechs-, Acht- und Zwölffarbdrucker stehen da etwas besser da, aber im Vergleich mit dem typischen Farblaser hat das neue iPhone eine höhere Auflösung. Wahnsinn.
    Das gilt natürlich nicht für s/w-Druck, da ist jeder gesetzte Punkt des Druckers auch ein effektiver Bildpunkt. Im Graustufendruck gilt aber auch ca. ein Faktor 4, wenn keine eigenen Grautinten verfügbar sind.
    Mehr Bildpunkte sind gut für die Schärfe, aber mehr Auflösung als bei diesem Display wäre definitiv Unsinn.
    Mehr Bildpunkte sind auch gut, um viel auf dem Schirm unterzubringen, zum Beispiel beim Websurfen. Wenn man aber die Schrift dann wieder vergrößern muss, weil sie sonst unlesbar ist, ist der Vorteil dahin. Für eine halbwegs taugliche Web-Erfahrung wären meiner Ansicht nach eigentlich mindestens 5" Bildschirmdiagonale notwendig – aber viele User wollen so ein großes Gerät nicht mit sich herumschleppen.
  • Persönlich finde ich auch positiv, dass Apple nicht auf den OLED-Zug aufgesprungen ist. Das Display meines Nexus One ist zwar um Längen besser als ich aufgrund der kritischen Berichterstattung befürchtet hatte, aber ein klassisches LCD wäre mir trotzdem lieber gewesen.
  • Der Touchscreen. Das ist zwar kein neues Feature des iPhone 4, ist aber der Punkt, an dem das Nexus One am deutlichsten gegenüber meinem alten iPhone abfällt. Dual- oder echtes Multitouch ist mir herzlich egal, aber die oleophobe Schutzschicht des iPhone bringt mehr als man denken könnte: Obwohl mein iPhone schon furchtbar aussah, verschmutzt das Nexus One noch einmal wesentlich schneller. Ich bin gezwungen, es mehrmals täglich abzuwischen. Zudem verwirrt die entstehende (leitende) Fettschicht offenbar zuweilen den Sensor. Dann werden Taps an ganz anderen Stellen registriert als sie eigentlich stattfanden, beim Scrollen entstehen Sprünge oder statt des Scrollens wird gar eine Zoomgeste ausgelöst. Da sich der Sensor offenbar beim Einschalten des Telefons kalibriert, reicht ein kurzes Ein- und Ausschalten, und alles passt wieder. Trotzdem: Das ist sehr nervig, vor allem, weil es beim iPhone einfach nie passiert ist. Möglicherweise hatte manchmal auftretendes, unerklärliches „Danebenhauen“ beim iPhone ähnliche Ursachen, aber es trat nie so massiv und vor allem so häufig auf wie beim Nexus One.
    Vmtl. kann ich das Problem mit einer Displayschutzfolie minimieren (jedenfalls hoffe ich das). Beim iPhone hatte ich aber nie eine, und ich habe auch nie eine gebraucht.
  • Frontkamera. Vmtl. würde ich es nie nutzen, aber die Vorstellung von Videotelefonie mit dem Smartphone ist toll. Allerdings wird auch manch neue Androide dieses Feature besitzen. Beim iPhone bleibt vor allem die Frage, ob die Frontkamera außerhalb der Apple-eigenen Videotelefonie-Anwendung überhaupt nutzbar sein wird. Diese ist, wie üblich bei Apple, natürlich auf Nutzung im WLAN beschränkt und funktioniert zudem nur mit anderen iPhone 4. Damit hätte ich genau 0 Gesprächspartner.
    Insofern kann man diesen Punkt wohl abhaken.
  • Lange Akkulaufzeit. Zehn Stunden Surfen im WLAN? Das ist cool. Und Apple neigt hier im Allgemein nicht zu großen Übertreibungen.
    Andererseits – Kunststück, ohne Mutitasking (das bisschen Pseudo-Multitasking, das jetzt eingeführt wird, hat den Namen kaum verdient).
  • Stabilität. Apps aus AppStore laufen meistens stabil, bei Apps aus dem Market (Android) ist dagegen wesentlich häufiger ein Force Close zu beobachten. Natürlich gibt es auch stabile Apps im Market und schlecht Programmiertes aus dem AppStore, aber eine Tendenz ist schon zu erkennen. Sicher liegt das unter anderem an Apples vielgescholtener Zulassungpolitik zum AppStore – offensichtlich instabile Software wird nämlich von vorneherein abgelehnt.
    Auch musste ich aus meinem Nexus One in der kurzen Zeit öfter die Batterie herausnehmen als ich mein iPhone in anderthalb Jahren Nutzungszeit gezwungen rebooten musste. Das lag in erster Linie an meiner eigenen Dummheit; man sollte eben nicht mit Developer Settings herumspielen (und das dann vergessen), wenn man nicht ganz genau weiß, was man da tut.
    Beim iPhone wird mir die Möglichkeit, solche Fehler zu machen, von vorneherein genommen. Ob das gut ist oder schlecht, muss jeder selbst beurteilen. Frust sparen kann es aber auf jeden Fall.
Die weiteren Neuheiten am iPhone (etwa die Gyroskope) beeindrucken mich nicht sonderlich. Insgesamt wohl ein solides Telefon, zu teuer, aber damit schließt Apple wieder zur Smartphone-Weltspitze auf.
Warum ich mir trotzdem kein iPhone mehr kaufen werde? Ja, der erste „Haben wollen!“-Impuls ist eben nicht alles:
  • Die deutschen Preise und Verträge stehen zwar noch nicht fest, aber da schon klar ist, dass die Telekom weiterhin den Alleinvertrieb in Deutschland übernehmen darf, bleibt eines der wichtigsten Mankos des iPhone:
    Zu haben nur für viel Geld mit massiv überteuerten Verträgen. Natürlich finanziert man sich dadurch das Telefon mit, und vom Preis her gesehen lohnt sich ein Import nicht. Der Gesamtpreis lag bei bisherigen Modellen aber einfach wirklich jenseits von Gut und Böse, fast beim Doppelten anderer High-End-Smartphones (die besser ausgestattet waren).
  • Auch die kleinen Schritte Richtung Multitasking oder allgemeiner Öffnung der Plattform sind einfach nicht genug. Es sind ganz einfache Apps, die das Leben mit dem Smartphone einfacher oder schöner machen, etwa ein Knopf direkt auf einem Homescreen, mit dem das Telefon in den Flugmodus geschalten werden kann, oder ein Wecker, der die Lautstärke langsam hochregelt, mit Musik wecken kann und konfigurierbare Snooze-Zeiten hat (ohne dass man Abends dran denken muss, die App zu starten!).
    Oder wie ist es mit dem Programm, dass das Telefon während Meetingterminen im Kalender automatisch stummschaltet, in den Flugmodus wechselt, sobald ich das Telefon neben meinem Bett ins Dock stelle, nur zu Hause WLAN aktiviert und Bluetooth nur im Car Dock?
    Alles nicht möglich auf dem iPhone. Oder doch: Mit Jailbreak. Theoretisch. Aber der Markt jenseits des AppStore ist klein und bietet nur wenige wirklich tolle Anwendungen, viel Gestöpsel, Warten auf den neuen Jailbreak nach jedem OS-Update und ist allgemein einfach furchtbar unattraktiv.
  • Ich kann auf meinem Telefon tun und lassen was ich will – auf dem Nexus One sogar, ohne irgendetwas knacken zu müssen. So muss es sein.
  • Bislang bot das iPhone OS ganz im Gegensatz zu Android kein sinnvolles Benachrichtigungskonzept. Wer mehr als eine SMS bekam und vor dem nächsten Blick aufs Display noch eine Terminerinnerung oder IM, war schon verloren. Ob iOS 4 das besser machen wird, muss sich noch zeigen.
  • MobileMe bleibt offenbar weiter auf eine Nutzung mit @me.com-Adresse beschränkt. Damit bugsiert sich die einzige sinnvolle Cloud-Lösung für das iPhone (die zudem kostenpflichtig ist) selbst in Aus. (Ja, ich weiß, es gibt Workarounds, aber spätestens, wenn man das Web-Interface nutzen will, hat man verloren.)
    Google-Nutzung ist zwar grundsätzlich möglich, aber speziell in Bezug auf die Kalender ein ziemlicher Krampf. Android steht da naturgemäß um Längen besser da.
Nein, bei näherer Betrachtung kann der „Haben wollen!“-Impuls keinerlei Bestand haben, soviel ist klar.
Trotzdem: Auch wenn man nicht davon sprechen kann, Apple habe es der Konkurrenz gezeigt und sie hinter sich gelassen – eine solide Antwort auf den Android-Vorsprung hat Apple allemal geliefert.
Das iPhone 4 wird trotz allem mit Sicherheit ein Erfolg werden.
Einen neuen Vorsprung indes kann sich Apple mit diesem Gerät meiner Meinung nach nicht erarbeiten. Die minimalen Vorteile in der technischen Spezifikation werden in Null-Komma-Nichts ausgeglichen sein und rechtfertigen jetzt schon nicht das Sich-Abfinden mit den Einschränkungen, die für technisch versierte Nutzer den Hauptnachteil der Apple-Plattform darstellen.

Kommentare:

  1. Hi bin auch vom iPhone 3gs auf ein htc desire gewechselt. hab aber nun beim iPhone 4 den selben Impuls von "will Ich haben" weiß aber nicht genau ob ichs mir hole. Bin mit dem desire ansich sehr zufrieden. sicherlich hat Android noch die eine oder andere kinderkrankheit aber das wirkt tatsächlich weniger abschreckend als Apple's geschlossene Plattform wo man davon ausgehen kann das das nie gefixt wird. wohingegen beim Android kLAR IST das es stätig besser wird. bezüglich des Display bei nexus und desire ( Ich glaub die haben das gleiche Display) : als Ich das desire das erste mal benutzt habe war die Eingabe über das Display sehr seltsam , Ich hab einfach zu oft daneben getippt habe Ich gedacht, dann hab Ich aber in den Tastatur Einstellungen die kalibrierung gefunden, gemacht und nun fühlt sich die Eingabe wie beim iPhone an ; ) fett interessiert das desire Display gar nicht :)

    HTC und Android rocken!

    LG

    AntwortenLöschen
  2. Ich hab ja an sich kein Problem mit dem Treffen von Tasten/Buttons, das geht gefühlt sogar etwas besser als beim iPhone.
    Manchmal liegt der registrierte Punkt aber plötzlich (nachdem es direkt vorher problemlos funktioniert hatte) > 1 cm daneben, oder andere Phänomene wie oben beschrieben.
    Das passiert meist dann, wenn ich den Touchscreen eine Weile benutzt habe, ohne das Telefon zwischendurch auszumachen, also bei längerem Surfen oder Feeds lesen, zum Beispiel. Vor allem dann, wenn ich viel scrolle, also quer über dem Schirm wische. Deshalb meine Vermutung, dass das Fett stört. Einmal aus und wieder an, und alles ist gut.
    Ich muss jetzt endlich mal meine Schutzfolie anbringen; ich hoffe das hilft.

    AntwortenLöschen
  3. "Mehr Bildpunkte sind auch gut, um viel auf dem Schirm unterzubringen, zum Beispiel beim Websurfen. Wenn man aber die Schrift dann wieder vergrößern muss, weil sie sonst unlesbar ist, ist der Vorteil dahin."
    Nicht nur bei Schrift - bei Bildern hilft's auch keinem, wenn Details dargestellt werden, die nur ein kleiner Bruchteil der Menschheit überhaupt wahrnehmen kann.
    Gut, ändert wohl nichts daran, dass das wohl die neue Standardauflösung wird - schon weil das iPhone sich so gut verkauft, dass die Produktion entsprechend günstig wird.
    Ansonsten wird's wohl v.a. in Sachen Kompatibilität hilfreich gewesen sein. So wie Windows Mobile damals von 240x320 auf 480x640 gesprungen ist, weil man die alten Anwendungen problemlos hochrechnen konnte: Jeden Pixel auf 2x2 strecken.

    Der Touchscreen vom N1 soll nach dem, was ich so gelesen habe, nicht unbedingt einer der besten sein, obwohl ich bei meinem noch keine Probleme hatte. Aber der vom Milestone ist mir schon wegen der seltsamen OLED-Unschärfe vom N1 lieber.

    Frontkamera und Videotelefonie hatte ich schon bei meinen letzten beiden WM-Handys (dort sogar via UMTS-Standard). Und nie benutzt...

    Die Akkulaufzeit ist allerdings wirklich eindrucksvoll, und ich glaube nicht, dass das viel mit Multitasking zu tun hat. Ob ein Prozessor nun von 5 Programmen oder von einem ausgelastet ist, macht wenig Unterschied. Das dürfte schon eher mit der Architektur von Apples neuem Prozessor und den zusätzlichen Platzmöglichkeiten durch den fest eingebauten Akku liegen. Und vermutlich an hochwertigen modernen Komponenten (Speicher, WLAN, Kartenleser, ...) die im freieren Android-Wettbewerb kein Kunde bezahlen wöllte...
    Wobei natürlich auch noch abzuwarten ist, wie realistisch das Nutzungsverhalten ist. 10 Stunden WLAN - schön. Aber auch noch, wenn der Telefonteil keinen perfekten Empfang hat?

    Komplettabstürze (also mit "Akku raus") hatte ich bisher höchstens 2 oder 3, obwohl ich selbst programmiere. FCs kommen natürlich vor, zu ca. 10% würde ich da sogar dem System und falscher/missverständlicher Doku die Schuld geben. Aber das dürfte sich mit neueren Versionen auch geben.

    AntwortenLöschen
  4. 10 Stunden surfen im WLAN gibts natürlich nur, wenn das Telefonteil komplett aus ist. Trotzdem dürfte das mit meinem Nexus One kaum machbar sein. :-)

    Seit meine Einstellung wieder passen (ich hatte den Kompatibilitätsmodus ausgemacht, obwohl ich ein Programm installiert habe, das nicht für 2.x freigegeben ist), hatte ich auch keine Abstürze mehr. Android an sich ist schon stabil, wenn man keine Dummheiten macht …

    AntwortenLöschen